13.07.2026

Allgemein

Frischer Wind für Wachstum? Was bringt das Reformpaket wirklich?

Mit ihrem Reformpaket setzt die Bundesregierung wichtige Impulse für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Bürokratieabbau, beschleunigte Genehmigungsverfahren, eine modernere Verwaltung und mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt greifen langjährige Forderungen des DMB auf. Es ist ausdrücklich zu begrüßen, dass die Koalition strukturelle Reformen in den Mittelpunkt rückt. Doch bringt das Reformpaket tatsächlich frischen Wind für Aufschwung und Beschäftigung im Mittelstand?

„Die Bundesregierung adressiert mit dem Paket wichtige strukturelle Probleme. Dass die Regierungskoalition dabei nun mehr Entscheidungsfreude zeigt, ist ausdrücklich zu begrüßen – darauf hat der Mittelstand lange gewartet“, 

betont Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bundes.
 

Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob diese Maßnahmen die tatsächlichen Herausforderungen kleiner und mittelständischer Unternehmen lösen. Genau hier liefert der aktuelle DMB Risiko-Report Mittelstand 2026 einen wichtigen Maßstab. Er zeigt, dass sich viele Unternehmen derzeit in einer Resilienzfalle befinden: Sie investieren immer größere finanzielle und personelle Ressourcen in Bürokratie, steigende Kosten und regulatorische Anforderungen. Dadurch fehlen Zeit, Kapital und Planungssicherheit für Zukunftsinvestitionen – etwa in Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle oder klimafreundliche Technologien. Dieses Investitionsdilemma entscheidet zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Vor diesem Hintergrund ist das Reformpaket ein wichtiger Schritt. Die strukturellen Probleme des Mittelstands löst das Paket allerdings nicht. 
Die wichtigsten Ankündigungen für Sie übersichtlich zusammengestellt:

  • Bürokratieabbau: Das stärkste Signal des Reformpakets

    Positiv bewertet der DMB die angekündigte Reduzierung von Berichts- und Dokumentationspflichten. Die geplante Beweislastumkehr – wonach Berichtspflichten künftig ausdrücklich begründet werden müssen – wäre ein echter Paradigmenwechsel. Ergänzt wird dies durch das Ziel, innerhalb eines Jahres mindestens jede vierte nationale Dokumentationspflicht abzubauen sowie neue Berichtspflichten künftig grundsätzlich zu vermeiden.
    Für kleine und mittlere Unternehmen bedeutet dies mehr als nur weniger Papierarbeit. Gerade KMU verfügen häufig nicht über eigene Rechts-, Steuer- oder Compliance-Abteilungen. Jede entfallende Dokumentationspflicht schafft deshalb unmittelbar Freiräume für unternehmerische Tätigkeit, Innovation und Kundenbetreuung.
    Damit diese Entlastung tatsächlich im Unternehmensalltag ankommt, darf sie allerdings nicht auf den Bund beschränkt bleiben. Viele bürokratische Belastungen entstehen erst durch den Verwaltungsvollzug in Ländern und Kommunen. Der Bürokratieabbau muss deshalb über alle staatlichen Ebenen hinweg konsequent umgesetzt werden. 30 konkrete Vorschläge zum Bürokratieabbau hat der DMB mit seinen Mitgliedsunternehmen erst kürzlich vorgelegt. 
     

  • Schnellere Genehmigungen und moderne Verwaltung für mehr Planungssicherheit

    Mit der geplanten Genehmigungsfiktion will die Bundesregierung Investitionen beschleunigen. Wenn Behörden innerhalb einer festgelegten Frist keine Entscheidung treffen, sollen Anträge künftig grundsätzlich als genehmigt gelten. Gerade bei Bauvorhaben, Betriebserweiterungen oder Energieprojekten kann dies die Planungssicherheit erheblich verbessern und Investitionen schneller ermöglichen.
     

    Auch die Digitalisierung staatlicher Verfahren setzt an den richtigen Stellen an. Die automatisch vorausgefüllte Steuererklärung, die schnellere Vergabe von Steuernummern sowie ein verbesserter Datenaustausch zwischen Behörden können Verwaltungsprozesse deutlich vereinfachen.
    Aber: Zunächst müssen diese Prozesse digitalisiert und vereinfacht werden. Und genau hieran hat es in den vergangenen Jahren gehapert. 
     

  • Datenschutz: Weniger Aufwand für kleine Unternehmen

    Mit der angekündigten Vereinfachung des Datenschutzrechts greift die Bundesregierung ebenfalls ein langjähriges DMB-Anliegen auf. Weniger verpflichtende Datenschutzbeauftragte und einfachere Regelungen für kleine und mittlere Unternehmen können insbesondere Handwerksbetriebe, Dienstleister und kleinere Industriebetriebe spürbar entlasten. 

     

  • Arbeitsmarkt: Mehr Flexibilität, aber keine Antwort auf den Fachkräftemangel

    Auch am Arbeitsmarkt enthält das Reformpaket wichtige Impulse. Längere sachgrundlose Befristungen, mehr Flexibilität bei Beschäftigungsverhältnissen sowie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung können Unternehmen zusätzliche Flexibilität geben und den starren Arbeitsmarkt dynamisieren. 

    Der Fachkräftemangel bleibt (auch das zeigt der DMB Risiko-Report Mittelstand 2026) jedoch eine der größten Herausforderungen für den Mittelstand. Programme zur Weiterbildung und Qualifizierung sind wichtige Bausteine, ersetzen aber keine langfristige Strategie zur Fachkräftesicherung. Gleichzeitig wird die geplante Begrenzung der Westbalkan-Regelung in einigen mittelständisch geprägten Branchen kritisch gesehen.

  • Zukunftstechnologien: Innovation braucht Investitionsspielräume

    Mit der Förderung von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Maschinenbau, Chemie, Batterietechnologien und Halbleitern setzt die Bundesregierung wichtige industriepolitische Impulse. Auch der Ausbau des Deutschlandfonds soll Investitionen in strategisch wichtige Bereiche erleichtern.

    Aus Sicht des DMB ist diese Schwerpunktsetzung richtig. Entscheidend wird jedoch sein, dass Förderprogramme auch für kleine und mittlere Unternehmen einfach zugänglich sind und nicht überwiegend Großunternehmen zugutekommen. Fördermittel können wichtige Impulse setzen, ersetzen aber keine wettbewerbsfähigen steuerlichen Rahmenbedingungen. Gerade der Risiko-Report Mittelstand 2026 zeigt, dass vielen Unternehmen derzeit die finanziellen Spielräume für Zukunftsinvestitionen fehlen.

  • Außenwirtschaft: Resilienz stärken und neue Märkte erschließen

    Mit der neuen Außenwirtschaftsstrategie will die Bundesregierung Handelsbeziehungen diversifizieren, neue Handels- und Investitionsabkommen vorantreiben und Unternehmen besser gegen unfaire Wettbewerbspraktiken schützen. Gleichzeitig sollen Europas wirtschaftliche Resilienz und strategische Souveränität gestärkt werden.

    Aus Sicht des DMB sind diese Maßnahmen angesichts zunehmender geopolitischer Unsicherheiten grundsätzlich zu begrüßen. Viele mittelständische Unternehmen sind auf offene Märkte und verlässliche Lieferketten angewiesen. Entscheidend wird sein, dass neue Schutzinstrumente nicht mit zusätzlichen bürokratischen Anforderungen einhergehen.

  • Rente / Alterssicherung: Arbeitskräfte sichern und Sozialabgaben stabilisieren

    Mit der Umsetzung der Empfehlungen der Alterssicherungskommission will die Bundesregierung die gesetzliche Rente langfristig zukunftsfest machen. Positiv bewertet der DMB insbesondere den geplanten Abbau von Frühverrentungsanreizen und die stärkere Orientierung des Renteneintrittsalters an der Lebenserwartung.

    Aus Sicht des DMB sind dies wichtige Signale für den Arbeitsmarkt und den Mittelstand. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels ist es entscheidend, erfahrene Beschäftigte länger im Erwerbsleben zu halten und die Finanzierung der Rentenversicherung nachhaltig zu sichern. Kritisch sieht der DMB hingegen zusätzliche Beitragsbelastungen für Arbeitgeber, etwa durch die geplante gesetzliche Kapitalrente, wenngleich dies mittel- bis langfristig zur Beitragsstabilisierung führen sollte. Denn Entscheidend bleibt, den weiteren Anstieg der Sozialabgaben zu begrenzen und die Belastungsgrenzen der Unternehmen im Blick zu behalten.

  • Lieferketten: Mehr Augenmaß

    Die angekündigte 1:1-Umsetzung der europäischen Lieferkettenrichtlinie bewertet der DMB grundsätzlich positiv. Dass der gesetzliche Anwendungsbereich auf Unternehmen mit mindestens 5.000 Beschäftigten beschränkt werden soll und Informationspflichten stärker risikoorientiert ausgestaltet werden, dürfte viele mittelständische Unternehmen spürbar entlasten.

    Gleichzeitig bleibt abzuwarten, in welchem Umfang große Unternehmen ihre Sorgfaltspflichten weiterhin entlang der gesamten Lieferkette an kleinere Zulieferer weiterreichen. Hier kommt es auf eine praxistaugliche Umsetzung an, die der DMB kritisch begleiten wird. 
     

  • Energiepolitik: das Kostenproblem bleibt bestehen

    Der beschleunigte Netzausbau, schnellere Netzanschlüsse und die Digitalisierung der Stromnetze sind wichtige Voraussetzungen für die Transformation der Wirtschaft. Gerade für Unternehmen, die in Elektrifizierung oder klimafreundliche Produktion investieren wollen, verbessern diese Maßnahmen die Planbarkeit.

    Das eigentliche Problem vieler Unternehmen bleibt jedoch ungelöst: dauerhaft hohe Energiepreise. Der DMB Risiko-Report Mittelstand 2026 zeigt, dass Energiekosten weiterhin zu den größten Wettbewerbsrisiken zählen. Schnellere Genehmigungen für Netze verbessern die Infrastruktur, ersetzen aber keine international wettbewerbsfähigen Strompreise. Gerade in diesem Bereich wären Entlastungen wichtig. 
     

  • Steuerpolitik: Die größte Lücke des Reformpakets

    Die größte Schwachstelle des Reformpakets sieht der DMB weiterhin bei der Unternehmensbesteuerung.
    Für die meisten inhabergeführten Unternehmen ergeben sich durch das Reformpaket kaum zusätzliche Investitionsspielräume. Ein erheblicher Teil des Entlastungsvolumens entfällt auf Maßnahmen wie die Anhebung des Grundfreibetrags oder den Abbau der kalten Progression, die ohnehin verfassungsrechtlich beziehungsweise systembedingt erforderlich gewesen wären.
     

    Benjamin Schöfer, Referent für Finanzen beim DMB, ordnet dies entsprechend in einem Kommentar für Sie ein: „Für viele mittelständische Unternehmen kommt deshalb keine spürbare Entlastung an. Statt einer echten steuerlichen Verbesserung gibt es vor allem Verschiebungen innerhalb des bestehenden Systems.“
     

    Besonders kritisch bewertet der DMB die geplante Absenkung der Einstiegsschwelle der sogenannten Reichensteuer auf 250.000 Euro sowie den erhöhten Steuersatz von 47 Prozent ab 280.000 Euro. Davon sind nicht nur Spitzenverdiener betroffen, sondern auch Familienunternehmen und Personenunternehmen, deren Gewinne überwiegend im Betrieb verbleiben und dort für Investitionen eingesetzt werden.
    Gerade vor dem Hintergrund des im DMB Risiko-Report Mittelstand 2026 beschriebenen Investitionsdilemmas sendet dies ein widersprüchliches Signal. Wer Investitionen stärken möchte, sollte Unternehmen größere finanzielle Spielräume eröffnen und nicht zusätzliche Belastungen schaffen.
     

Ein guter Auftakt. Aber: jetzt braucht es weitere Reformschritte

Das Reformpaket bringt aus DMB-Perspektive frischen Wind für einen wichtigen wirtschaftspolitischen Kurswechsel. Besonders beim Bürokratieabbau, bei der Planungsbeschleunigung und der Modernisierung staatlicher Verfahren greift die Bundesregierung zentrale Anliegen des Mittelstands auf. Viele dieser Maßnahmen können die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland nachhaltig stärken.

Für eine echte Wachstumswende reicht dies jedoch noch nicht aus. Wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, dauerhaft tragfähige Sozialabgaben und international konkurrenzfähige Energiepreise bleiben die entscheidenden Stellschrauben, um Unternehmen wieder mehr Investitionen zu ermöglichen.
Marc S. Tenbieg bringt die Position des DMB auf den Punkt: 

„Viele Maßnahmen gehen in die richtige Richtung. Entscheidend sind jetzt die schnelle Umsetzung und die Ergänzung um steuerliche Entlastungen – nur so entstehen nachhaltiges Wachstum und sichere Beschäftigung.“


Das Reformpaket ist damit ein wichtiger erster Schritt. Damit aus einem Reformprogramm tatsächlich eine Wachstumsagenda wird, braucht es nun allerdings den Rückenwind eines zweiten Reformschritts: weniger Belastungen, mehr Investitionsanreize und bessere Rahmenbedingungen für den Mittelstand. 

Zum Autor

Matthias Bianchi

Leiter Public Affairs

matthias.bianchi@mittelstandsbund.de
030 220048-300