Themenschwerpunkt
Ursachen und Folgen

Fachkräftemangel als größte Gefahr für die Entwicklung des Mittelstands

Der Mangel an geeigneten Fachkräften stellt für den deutschen Mittelstand ein immenses Problem dar. 50 Prozent der deutschen Mittelständler sehen darin eine große Gefahr für die Entwicklung ihres Unternehmens, was den Fachkräftemangel zum größten Problem mittelständischer Unternehmen macht.[1] Viele KMU arbeiten oftmals bereits an der Auslastungsgrenze und können neue Aufträge nicht annehmen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY schätzt die daraus resultierenden Umsatzeinbußen im Mittelstand auf fast 50 Milliarden Euro jährlich.[2]

Auswirkungen bereits heute spürbar: Aufwand für Rekrutierung
und Mehrarbeit für Angestellte steigen

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt hat bereits heute einen Punkt erreicht, an dem die Auswirkungen des Fachkräftemangels im Geschäftsalltag zu spüren sind. Dies geben 57 Prozent der mittelständischen Unternehmen in einer Studie der DZ-Bank an.[3] Besonders stark wirkt sich der Fachkräftemangel auf die Kosten der Mitarbeiterrekrutierung aus. Bei 85 Prozent der KMU ist der Aufwand hier in Folge des Fachkräftemangels gestiegen.[4] Auch die Belegschaft vieler Unternehmen ist vom Fachkräftemangel betroffen. Drei Viertel der Mittelständler gaben an, dass ihre Belegschaft den Mangel an neuen Mitarbeitern durch Mehrarbeit ausgleichen muss.[5] Weiterhin führt der Fachkräftemangel zu einem Anstieg der Arbeitskosten – mit negativen Folgen für Wettbewerbsfähigkeit und Gewinnmarge.

Viele Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt

Die große Nachfrage nach Fachkräften spiegelt sich auch auf dem Ausbildungsmarkt wieder. 546.947 Ausbildungsstellen wurden im Jahr 2016 bundesweit angeboten.[6]Davon blieben jedoch 43.478 aus Mangel an qualifizierten Bewerbern unbesetzt – ein Plus von über 147 % gegenüber dem Jahr 2009.[7] Besonders betroffen waren die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg sowie der Osten Deutschlands. Gleichzeitig gab es über 20.000 unversorgte Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.[8] Hier wird ein Passungsproblem deutlich, das oftmals mit der falschen oder mangelnden Qualifikation der Bewerber und mit Unterschieden in der regionalen Angebots-bzw. Nachfragesituation  zusammenhängt.

Demografischer Wandel verschärft die Situatio

Deutschland ist besonders stark vom demografischen Wandel betroffen. Die seit vielen Jahren konstant niedrige Geburtenrate führt zu einem Nachwuchsproblem und verschärft den Fachkräftemangel. Besonders problematisch wird es, wenn mit den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er Jahre etwa ab 2030 viele Fachkräfte auf einmal in Rente gehen und damit dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt, dass sich das Erwerbspersonenpotential bereits bis zum Jahr 2030 um 3,6 % auf 42,2 Millionen Erwerbstätige verringern wird.[9] Obwohl der demografische Wandel ein bundesweites Phänomen ist, wirkt er sich in den neuen Bundesländern besonders stark aus. Hier sind zwischen 36 und 42 Prozent der Arbeitnehmer über 50 Jahre alt, während dieser Wert in Westdeutschland nur bei 33 Prozent liegt.[10]

Wer ist betroffen? Mangelberufe und regionale Fachkräftesituation

Im deutschen Mittelstand sind vor allem technische Berufe stark vom Fachkräftemangel betroffen. 50 Prozent der mittelständischen Unternehmen geben an, technische Stellen in der Produktion aus Mangel an Bewerbern nicht besetzen zu können.[11] Diese Befunde decken sich mit den Ergebnissen des „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, das regelmäßig eine bundesweite Rangliste mit Mangelberufen erstellt. Auch hier finden sich technische Berufe sowie Berufe aus dem Bereich Gesundheit und Pflege auf den vordersten Plätzen (s. Grafiken: Top-Engpassberufe).

Engpässe in technischen Berufen vor allem im Mittelstand spürbar

Da der Mittelstand speziell durch das Handwerk und das produzierende Gewerbe geprägt ist, macht sich der Mangel an Fachkräften mit technischer Ausbildung besonders bemerkbar. Dabei fehlen weniger Akademiker, sondern vielmehr Fachkräfte mit Berufsausbildung, da diese besonders häufig in KMU tätig sind.

Problematisch ist auch, dass insbesondere größere Mittelständler Digitalisierungsprojekte nicht umsetzen können, weil ihnen geeignete Mitarbeiter aus dem Fachbereich Informatik fehlen (s. Grafik: Top-5 Engpassberufe für Experten). Damit bremst der Fachkräftemangel den Weg hin zur Industrie 4.0 aus, was eine Gefahr für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes birgt.

Hinzu kommt, dass KMU im Wettbewerb mit großen Unternehmen um die wenigen Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt oftmals das Nachsehen haben. Finanzielle Anreize, Aufstiegschancen und Bekanntheitsgrad sind Faktoren, die Konzernen einen Vorteil bei der Mitarbeiterrekrutierung gegenüber mittelständischen Unternehmen verschaffen. Zudem sitzen KMU oftmals eher im ländlichen Raum, was sie für viele potenzielle Bewerber tendenziell unattraktiver macht.

Anmerkung zu den Grafiken (Top-Engpassberufe)
Dargestellt ist das Verhältnis von Arbeitslosen mit entsprechender Berufsqualifikation pro 100 von Unternehmen ausgeschriebene Stellen für den jeweiligen Beruf. Je weniger Arbeitslose es pro 100 Stellen gibt, desto größer ist der Fachkräftemangel im entsprechenden Beruf.
Fachkräfte: mind. zweijährige Berufsausbildung
Spezialisten: Fortbildungsabschluss (Meister, Techniker etc.) oder Bachelorabschluss ohne Berufserfahrung
Experten: Masterabschluss bzw. Diplom/Magister oder Bachelorabschluss mit Berufserfahrung

Regionale Unterschiede – besonders der Süden ist betroffen

Obwohl der Fachkräftemangel ein bundesweites Problem ist, sind die Auswirkungen in einigen Regionen Deutschlands stärker als in anderen. Während die Fachkräftesituation im Nordosten der Bundesrepublik und in den Stadtstaaten sowie in einigen Regionen von NRW noch verhältnismäßig entspannt ist, leiden Baden-Württemberg und Bayern besonders unter dem Fachkräftemangel.

Die Engpassquote, also der Anteil an Stellen in sogenannten Engpassberufen, variiert je nach Bundesland sehr stark. Während dieser Wert in Berlin nur 35 Prozent beträgt, liegt er in Bayern bei 65 Prozent und in Baden-Württemberg sogar bei 72 Prozent.[12] In einigen Städten wie Ulm, Ingolstadt oder Regensburg erreicht die Engpassquote sogar zwischen 80 und 90 Prozent.[13] Gerade im Süden Deutschlands sind viele mittelständische Unternehmen angesiedelt, die damit unmittelbar von den Auswirkungen dieser Engpässe betroffen sind.

Quellennachweise

[1] Vgl. EY Mittelstandsbarometer Januar 2017, Seite 13.

[2] Vgl. ebd., Seite 23.

[3] Vgl. DZ Bank – Fachkräftemangel hemmt Wachstum deutscher Mittelständler (06.11.2017).

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung: Berufsbildungsbericht 2017 (Daten von 2016), Seite 19.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd., Seite 9.

[9] Vgl. Bundesagentur für Arbeit: BA 2020 – Fachkräfte für Deutschland, Seite 6.

[10] Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft - Kompetenzcentrum Fachkräftesicherung: Fachkräfteengpässe in Unternehmen Regionale Fachkräftesituation und Mobilität (Studie 2, 2017), Seite 20.

[11] Vgl. EY Mittelstandsbarometer Januar 2017, Seite 24.

[12] Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft - Kompetenzcentrum Fachkräftesicherung: Fachkräfteengpässe in Unternehmen Regionale Fachkräftesituation und Mobilität (Studie 2, 2017), Seite 9.

[13] Vgl. ebd., Seite 11.

Handlungsempfehlungen für Politik und Unternehmen

Um ihren Erfolg weiterhin sichern zu können, ist die mittelständische Wirtschaft auf geeignete Fachkräfte angewiesen. Was können Politik und Unternehmen tun, um ihren Fachkräftebedarf auch zukünftig zu decken?

 

 

 

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