09.03.2020Hintergrund

Das Erfolgsrezept des Deutschen Mittelstands

Der Mittelstand hat wesentlichen Anteil an Deutschlands wirtschaftlicher Stärke.


Der deutsche Mittelstand steht im europäischen Vergleich sehr gut da. In den Jahren 2015 bis 2018 hat der Mittelstand einen wahren Beschäftigungsboom verzeichnet. Die Anzahl der Arbeitnehmer stieg in nur drei Jahren um 11,8 Prozent auf über 19 Millionen an.[1] Die Wertschöpfung deutscher KMU hat branchenübergreifend im selben Zeitraum sogar um 18,7 Prozent zugelegt und liegt bei etwa 969 Milliarden Euro.[2] Diese Zuwachsraten liegen deutlich über den durchschnittlichen Wachstumsraten europäischer KMU.[3] Weltweit gilt der deutsche Mittelstand als Vorbild und steht für Qualität, Zuverlässigkeit und Innovationskraft.

Aber was zeichnet mittelständische Unternehmen in Deutschland aus macht sie so stark? Was ist das Erfolgsrezept des „German Mittelstand“?


Größe und Vielfalt

Insgesamt liegt der Anteil der KMU an der Gesamtzahl aller Unternehmen in jedem EU-Land bei über 99 Prozent; in den meisten Mitgliedsstaaten ist er sogar höher als in Deutschland. Die bloße Existenz von KMU kann die Stärke des deutschen Mittelstands also nicht erklären. Der Unterschied liegt vielmehr in der Größenstruktur.

Wie in allen EU-Ländern so dominieren auch in Deutschland die Kleinstunternehmen den Mittelstand. Allerdings gibt es hierzulande deutlich mehr größere KMU als im Rest der Europäischen Union. Während im EU-Durchschnitt nur ca. ein Prozent aller Unternehmen zu den mittleren Unternehmen (50-249 Beschäftigte) und nur etwa sechs Prozent zu den Kleinunternehmen (10-49 Beschäftigte) zählen, sind diese Werte in Deutschland mehr als doppelt so hoch (siehe Grafik).[4]


Diese vielfältigere Größenstruktur sorgt für eine bessere Aufteilung der vertikalen Wertschöpfungskette. Großunternehmen können ihre Vorprodukte von großen Mittelständlern beziehen und diese greifen wiederum auf kleinere mittelständische Unternehmen zurück.
 

Größere Mittelständler exportorientierter und innovativer

Eine höhere Anzahl von größeren Mittelständlern wirkt sich darüber hinaus positiv auf den Export aus. Große Mittelständler sind oftmals exportorientierter, da sie sowohl die finanziellen Möglichkeiten als auch das erforderliche Know-How besitzen, um ausländische Märkte zu erschließen. Der Anteil der Exporteure liegt bei Kleinunternehmen bei etwa 36 Prozent und bei Unternehmen mittlerer Größe sogar bei 51 Prozent, während nur 22 Prozent der Unternehmen mit 5-9 Beschäftigten im Ausland aktiv sind.[5] Größere KMU sind zudem innovativer als ihre kleineren Mitbewerber, weil sie eher über die notwendigen Ressourcen verfügen, um in Forschung und Entwicklung zu investieren.

Neben den klassischen KMU mit bis zum 249 Beschäftigten gibt es in Deutschland zudem viele größere Mittelständler mit etwa 500 bis 3.000 Beschäftigten – die so genannten Mid Caps. Diese fallen zwar nicht unter die KMU-Definition der EU-Kommission, gehören in einem weiteren Verständnis aber auch zum Mittelstand, da sie nicht die klassischen Konzernstrukturen von Großunternehmen aufweisen, sondern oftmals familien- oder inhabergeführt sind. Mid Caps schaffen viele sichere Arbeitsplätze, weisen einen hohen Internationalisierungs- grad auf und sind oft besonders innovativ. In Deutschland gibt es etwa 14.000 Mid Caps, die meisten davon im Maschinenbau und der Metall- und Elektroindustrie.[6] Die Vielzahl dieser großen Mittelständler ist ein Alleinstellungsmerkmal und wesentlicher Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft.

 

Ausgewogene Branchenstruktur

Zusätzlich wird der deutsche Mittelstand durch seine ausgewogene Branchenstruktur gestärkt (siehe Grafik).[7] Das Spektrum des Mittelstands reicht vom klassischen Handwerksunternehmen über den Einzelhändler bis hin zum familiengeführten Industrieunternehmen. Diese Vielfalt wirkt sich positiv auf die Resilienz des Mittelstands aus: sind einzelne Wirtschaftssektoren von externen Schocks betroffen, können andere Branchen die Auswirkungen abfedern. Die diversifizierte Branchenaufteilung des deutschen Mittelstands hat sich bereits in mehreren Krisen bewährt.
 


Innovationskraft und Spezialisierung

Stichwort Innovationen: Deutsche Mittelständler sind innovativer als ihre europäischen Wettbewerber. Der SME performance report 2019 der Europäischen Kommission bescheinigt Deutschland hier im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz. 41 Prozent der deutschen KMU brachten im Jahr 2016 eine Produkt- oder Prozessinnovation auf den Markt. Damit liegt der deutsche Mittelstand deutlich über dem EU-Durchschnitt von 33 Prozent.[8] Aus dieser Innovationskraft ziehen deutsche Mittelständler einen wichtigen Wettbewerbsvorteil.


Spezialisierung als Schlüssel zum Erfolg

Viele Mittelständler sind zudem erfolgreich, weil sie sich auf ein bestimmtes Marktsegment spezialisiert und sich dort zu einem führenden Anbieter entwickelt haben. Der Vorteil dieser Spezialisierung: Die produzierten Nischenprodukte sind komplex, qualitativ hochwertig und individuell auf Kundenwünsche abgestimmt. Eine einzigartige Mischung, die die Produkte besonders gefragt und zugleich schwer kopierbar macht.

 

Heimliche Weltmarktführer

Ausdruck der Spezialisierung und Innovationskraft des deutschen Mittelstands ist auch die große Zahl an Unternehmen, die in ihrem Segment Weltmarktführer sind. Mehr als 1.300 solcher Hidden Champions gibt es in der deutschen Wirtschaft – internationaler Spitzenwert.[9] Die heimlichen Weltmarktführer kommen oft aus dem Maschinenbau oder der Automobilzulieferung und bedienen überwiegend Geschäftskunden aus der Industrie, weshalb sie vielen Endverbrauchern nicht bekannt sind.[10]

 

Internationalisierung

Auch bei der Internationalisierung steht der deutsche Mittelstand sehr gut da. Laut SME performance report 2019 liegt der Anteil exportierender KMU sowohl bei Ausfuhren in den EU-Binnenmarkt als auch in Drittländer deutlich über dem EU-Durchschnitt. Im Jahr 2016 exportierten fast 32 Prozent der deutschen Mittelständler ihre Waren in andere EU-Länder und zudem 16,9 Prozent in Märkte außerhalb der EU.[11] Insgesamt hat der Mittelstand in Deutschland einen Anteil von etwa 45 Prozent am gesamten deutschen Exportvolumen.[12] Diese Exportstärke trägt maßgeblich zum Erfolg deutscher KMU bei.

 

Faktor Familienunternehmen

Mittelstand und Familienunternehmen – diese Worte sind untrennbar miteinander verbunden, denn die überwiegende Mehrheit der kleinen und mittleren Betriebe ist familiengeführt. Eigentum und Leitung liegen im Mittelstand oft in einer Hand. Familiengeführte Unternehmen stehen im besonderen Maße für verantwortungsvolles Unternehmertum. Sie haben eine enge Bindung zu ihren Beschäftigten und setzten auf Kontinuität und Nachhaltigkeit statt auf schnelle Gewinne. Zudem zeichnen sie sich durch kurze Entscheidungswege und eine besondere Nähe zum Kunden aus, wodurch sie flexibel auf Veränderungen am Markt reagieren können. All diese Eigenschaften führen zu langfristigem Erfolg: zahlreiche namhafte deutsche Mittelständler sind bereits seit Generationen in Familienhand.

 

Ökonomisches Umfeld

Neben all diesen internen Erfolgsfaktoren darf die Bedeutung des ökonomischen Kontextes für den Erfolg des deutschen Mittelstands nicht außer Acht gelassen werden. Externe Faktoren wie eine starke Binnennachfrage, die Existenz vieler Cluster, eine gute Infrastruktur und das Angebot an qualifizierten Fachkräften haben zur guten Lage deutscher KMU beigetragen. Diese günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen, die der Wirtschaftsstandort Deutschland bietet, sind in vielen anderen europäischen Ländern nicht oder zumindest nicht im selben Ausmaß vorhanden. Die Stärke des Mittelstands hängt daher auch mit den guten Standortfaktoren in Deutschland zusammen. Im Global Competitiveness Report 2019, der die Standortqualität und Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bewertet und weltweit vergleicht, belegt Deutschland Rang 7.[13] Damit hat die Bundesrepublik nach den Niederlanden die zweitbesten Standortbedingungen in der EU.

 

Viele bestehende Cluster

Ein wichtiger Standortvorteil Deutschlands ist die Vielzahl bestehender Cluster-Strukturen. Unter Clustern versteht man gebündelte Zulieferer-Abnehmer Strukturen, also die geografische Konzentration miteinander verbundener Unternehmen derselben Branche. Die Vorteile solcher Cluster liegen auf der Hand: sie zeichnen sich durch eine große Nähe zu Zulieferern, Abnehmern und Forschungseinrichtungen aus und weisen die notwendige Infrastruktur auf, die von allen Unternehmen des Clusters genutzt und erhalten wird. Auch Forschungskooperationen und der Austausch von Know-How können in diesem Netzwerk vereinfacht stattfinden. Deutschland verfügt im europäischen Vergleich über besonders viele Cluster-Strukturen. In der EU führende Cluster gibt es beispielsweise im Bereich Automotive (Stuttgart und Oberbayern), Biopharmazie (Freiburg, Berlin, Darmstadt) oder IT (Stuttgart, Darmstadt, Oberpfalz).[14]

 

Fachkräfteangebot

Auch das Angebot an qualifizierten Fachkräften hat einen großen Anteil an den Standortvorteilen des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Besonders das duale Ausbildungssystem mit seiner einzigartigen Kombination aus Theorie und Praxis gilt im Ausland oft als Vorbild. Der deutsche Mittelstand trägt mit seinem Ausbildungsangebot maßgeblich dazu bei, dass Deutschland mit 5,8 Prozent eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenquote der gesamten EU hat (EU-Durchschnitt 15 Prozent; Stand: 2019).[15] KMU stellen rund 82 Prozent der betrieblichen Ausbildungsplätze in Deutschland und bilden den Fachkräftenachwuchs für ihr Unternehmen damit oft selber aus.[16]


 

Quellennachweise

[1] European Commission (2016): 2016 SBA Factsheet Germany (Daten aus dem Jahr 2015),
European Commission (2019): 2019 SBA Factsheet Germany (Daten aus dem Jahr 2018)
[2] Vgl. ebd.
[3] European Commission (2016): 2016 SBA Fact Sheet European Union (Daten aus dem Jahr 2015)       
European Commission (2019): 2019 SBA Fact Sheet European Union (Daten aus dem Jahr 2018)       
[4] European Commission (2019): 2019 SBA Factsheet Germany (Daten aus dem Jahr 2018)
[5] KfW Research (2020): KfW-Internationalisierungsbericht 2020, Seite 3.
[6] Der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) (2018): Die Stärke des Mittelstands.
[7] KfW Research (2019): KfW-Mittelstandspanel 2019, Seite 20.
[8] European Commission (2019): 2019 SBA Factsheet Germany.
[9] Der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) (2019): Hidden Champions:
Die Starken aus der zweiten Reihe.
[10] Vgl. ebd.
[11] European Commission (2019): 2019 SBA Factsheet Germany.
[12] KfW Research (2020): Mittelstand ist der Motor der deutschen Wirtschaft.
[13] World Economic Forum (2019): The Global Competitiveness Report 2019, Seite 8.
[14] European Commission (2020): European Panorama of Clusters and Industrial Change.
[15] Eurostat (2020): Jugendarbeitslosigkeit nach Geschlecht.
[16] IfM Bonn (2018): Mittelstand im Überblick.

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