Stärken

 

Deutsche KMU haben maßgeblich zur Bewältigung der zurückliegenden Krisen beigetragen und sind zudem ein Garant für Wachstum und einen hohen Beschäftigungsgrad in Deutschland. Deshalb interessieren sich unsere europäischen Nachbarn seit langem für das Erfolgsrezeptdes "German Mittelstand". Was also macht den deutschen Mittelstand so erfolgreich und unterscheidet ihn vom Mittelstand anderer EU-Länder? 

Dieser Beitrag zeigt auf, dass der Erfolg des deutschen Mittelstandes vor allem auf seine Größe, Vielfalt, Innovation und Exportorientiertheit zurückzuführen ist.

Größe und Vielfalt

Wie die Länderinformationen zeigen, liegt der Anteil der KMU an der Gesamtzahl der Unternehmen in allen EU-Länder bei über 99 Prozent; in den meisten Mitgliedsländer ist er sogar höher als in Deutschland. Die bloße Existenz von KMU kann die Stärke des deutschen Mittelstandes also nicht erklären. Der Unterschied liegt vielmehr in der Größenstruktur.

Wie in allen EU-Ländern so dominieren auch in Deutschland die Kleinstunternehmen den Mittelstand. Allerdings gibt es hierzulande deutlich mehr größere KMU als im Rest der Europäischen Union. Während im EU-Durchschnitt nur ein Prozent aller Unternehmen zu den mittleren Unternehmen und nur 6 Prozent zu den Kleinunternehmen zählen, sind diese Werte in Deutschland mehr als doppelt so hoch (siehe Grafik).

Diese vielfältigere Größenstruktur sorgt für eine bessere Aufteilung der vertikalen Wertschöpfungskette. Großunternehmen können ihre Vorprodukte von großen Mittelständlern beziehen und diese greifen wiederum auf kleinere mittelständische Unternehmen zurück. Dadurch wird der lückenlose Ablauf der Wertschöpfungskette gesichert.

Größere Mittelständler exportorientierter und innovativer

Eine höhere Anzahl von größeren KMU wirkt sich darüber hinaus positiv auf den Export aus. Große Mittelständler sind oftmals exportorientierter, da sie sowohl die finanziellen Möglichkeiten, als auch das erforderliche Know-How besitzen, um ausländische Märkte zu erschließen. Der Anteil der Exporteure liegt bei Kleinunternehmen bei 36 Prozent und bei Unternehmen mittlerer Größe sogar bei 55 Prozent, während nur etwa 20 Prozent der Kleinstunternehmen ihre Produkte ins Ausland exportieren. Größere KMU sind zudem innovativer als ihre kleineren Mitbewerber, weil sie eher über die notwendigen Ressourcen verfügen, um in Forschung und Entwicklung zu investieren.

 

Ausgewogene Branchenstruktur

Zusätzlich wird der deutsche Mittelstand durch seine ausgewogene Branchenstruktur gestärkt (siehe Grafik 2). Die Vielfalt wirkt sich positiv auf die Stabilität des Mittelstandes aus: sind einzelne Wirtschaftssektoren von externen Faktoren wie einbrechender Nachfrage betroffen, können andere Branchen die Auswirkungen abfedern. Diese diversifizierte Branchenaufteilung des deutschen Mittelstandes hat sich bereits in mehreren Krisen bewährt.

Innovationskraft

Stichwort Innovationen: Deutsche Mittelständler sind innovativer als ihre europäischen Wettbewerber. Der SME performance report 2016 der Europäischen Kommission bescheinigt Deutschland hier im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz. 42,4 Prozent der deutschen KMU brachten im Jahr 2012 eine Produkt- oder Prozessinnovation auf den Markt; mehr als in jedem anderen europäischen Land. Damit liegt der deutsche Mittelstand deutlich über dem EU-Durchschnitt von 38,4 Prozent. Die Innovationskraft eines Unternehmens wirkt sich nachweislich positiv auf die Beschäftigtenzahlen aus. Zwischen 2002 und 2010 hatten innovative KMU im verarbeitenden Gewerbe einen fast doppelt so hohen jährlichen Beschäftigungszuwachs wie nicht innovative KMU. Aus dieser Innovationskraft ziehen deutsche Mittelständler einen wichtigen Wettbewerbsvorteil.

Heimliche Weltmarktführer

Ausdruck der Innovationskraft des deutschen Mittelstandes ist auch die große Zahl an Unternehmen, die in ihrem Segment Weltmarktführer sind. 2012 gab es in keinem anderen Land der Welt so viele "Hidden Champions“ wie in Deutschland. Rund 1.300 Unternehmen zählten zu diesen heimlichen Weltmarktführern; die meisten davon in den Bereichen Maschinenbau und Elektroindustrie.

Internationalisierung

Auch im Bereich der Internationalisierung steht der deutsche Mittelstand sehr gut da. Laut SME performance report liegen sowohl die Warenausfuhr- als auch die Wareneinfuhr deutscher KMU in Nicht-EU-Länder deutlich über dem EU-Durchschnitt. Im Jahr 2013 exportierten 15,48 Prozent der deutschen Mittelständler ihre Waren in Märkte außerhalb der EU. Nur in Dänemark ist dieser Wert höher als in Deutschland. Insgesamt hat der Mittelstand in Deutschland einen Anteil von über 20 Prozent am gesamten deutschen Exportvolumen. Diese Exportstärke trägt maßgeblich zum Erfolg deutscher KMU bei.

Ökonomisches Umfeld

Neben all diesen internen Erfolgsfaktoren darf die Bedeutung des ökonomischen Kontextes für den Erfolg des deutschen Mittelstandes nicht außer Acht gelassen werden. Externe Faktoren wie eine starke Binnennachfrage, die Existenz vieler Cluster und das Angebot an qualifizierten Fachkräften haben zur guten Lage deutscher KMU beigetragen. Diese günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen, die der Wirtschaftsstandort Deutschland bietet, sind in vielen anderen europäischen Ländern nicht oder zumindest nicht im selben Ausmaß vorhanden. KMU profitieren besonders von den guten Standortfaktoren in Deutschland. Im Mittelstandspanel 2013 bewerteten 78,6 Prozent der befragten Mittelständler den Wirtschaftsstandort Deutschland als sehr gut oder gut.

Viele bestehende Cluster

Ein wichtiger Standortvorteil Deutschlands ist die Vielzahl bestehender Cluster-Strukturen. Unter Clustern versteht man gebündelte Zuliefer-Abnehmer Strukturen, also die geografische Konzentration miteinander verbundener Unternehmen derselben Branche. Die Vorteile solcher Cluster liegen auf der Hand: sie zeichnen sich durch eine große Nähe zu Zulieferern, Abnehmern und Forschungseinrichtungen aus und weisen die notwendigen Infrastruktur auf, die von allen Unternehmen des Clusters genutzt und erhalten wird. Auch Forschungskooperationen und der Austausch von Know-How können in diesem Netzwerk vereinfacht stattfinden. Deutschland verfügt im europäischen Vergleich über besonders viele Cluster-Strukturen, auch wenn sich diese mit der Ausnahme Berlins überwiegend auf den Westen und Süden des Landes konzentrieren. Sechs der Top 11 europäischen Cluster-Regionen befinden sich in Deutschland. Beispiele sind Cluster in den Bereichen Biotechnologie und Luftfahrt (Oberbayern) oder Automobilindustrie, Maschinenbau, Metallindustrie (Stuttgart).

Fachkräfteangebot

Auch das Angebot an qualifizierten Fachkräften hat einen großen Anteil an den Standortvorteilen des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Besonders das duale Ausbildungssystem gilt im Ausland oft als Vorbild. Der deutsche Mittelstand trägt mit seinem Ausbildungsangebot maßgeblich dazu bei, dass Deutschland mit 6,7 Prozent die niedrigste Jugendarbeitslosenquote der gesamten EU hat (EU-Durchschnitt 16,9 Prozent; Stand Mai 2017). KMU stellen rund 1,2 Millionen der 1,34 Millionen betrieblichen Ausbildungsplätze in Deutschland. Damit werden neun von zehn Auszubildenden im Mittelstand ausgebildet. Qualifizierte Mitarbeiter bilden das Fundament für den Erfolg vieler Unternehmen, da ihre Fachkompetenz einen strategischen Wettbewerbsvorteil darstellt. Ein ausreichendes Fachkräfteangebot ist daher unabdingbar, um den Erfolg von KMU auch in Zukunft zu sichern.

Doch das Angebot an qualifizierten Fachkräften schrumpft, wodurch der Faktor Arbeit mehr und mehr zur knappen Ressource wird. Im Jahr 2016 blieben 43.500 betriebliche Ausbildungsstellen unbesetzt. Prognosen zufolge wird sich das Arbeitskräftepotential bis zum Jahr 2030 um rund 3,6 Millionen Erwerbspersonen verringern. Der Fachkräftemangel erschwert die Suche von KMU nach qualifizierten Mitarbeitern und gefährdet damit langfristig ihre Innovationsfähigkeit und ihr Wachstum.