29.05.2026
Azubis gewinnt man nicht mit Kugelschreibern

Wie „Hallo Zukunft“ Nachwuchsgewinnung neu denkt
Fachkräftemangel, fehlende Bewerbungen, sinkendes Interesse an Ausbildungsberufen: Viele kleine und mittlere Unternehmen kennen die Situation. Die hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG aus Niedersachsen zeigt mit dem Projekt „Hallo Zukunft“, dass Nachwuchsgewinnung auch anders geht – pragmatisch, regional und gemeinschaftlich.
Der Ausgangspunkt war die Unzufriedenheit über klassische Ausbildungsmessen. „Wir standen mit Stehtisch und Hochglanzbroschüren auf Ausbildungsbörsen. Aber viele Jugendliche holen sich nur einen Kugelschreiber ab und gehen weiter“, erzählt Grit Schneider, Projektverantwortliche von „Hallo Zukunft“ bei der hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co KG. Für ein Industrieunternehmen sei es kaum möglich, die tatsächliche Arbeitswelt auf einer Messe realistisch darzustellen. „Unsere Produktionshalle hat große Maschinen, es ist laut und sehr technisch. Das können wir am Messetisch nicht vermitteln.” Entsprechend groß seien oft die falschen Erwartungen der Jugendlichen.
Weg vom Messestand, rein in die Betriebe
Als Konsequenz organisierte das Familienunternehmen erstmals einen eigenen Ausbildungstag direkt im Betrieb. Der Aufwand war erheblich, die Resonanz blieb jedoch überschaubar. Einige Jugendliche bewarben sich später zwar genau aufgrund dieser Veranstaltung. Gleichzeitig hatte das Unternehmen aber eine entscheidende Erkenntnis: Junge Menschen suchen oft nicht zuerst einen konkreten Arbeitgeber, sondern Orientierung.

Kooperation statt Konkurrenzdenken
Aus diesem ersten Ausbildungstag entwickelte das Unternehmen gemeinsam mit weiteren Betrieben der Samtgemeinde schließlich die Idee eines regionalen Netzwerks. So entstand 2019 die Initiative „Hallo Zukunft“, in der Unternehmen Berufsorientierung gemeinsam organisieren und dafür ihre Reichweite, ihre Schulkontakte und die Öffentlichkeitsarbeit bündeln. Entscheidend war dabei ein neuer Ansatz: Im Mittelpunkt steht nicht das einzelne Unternehmen, sondern die Vielfalt der Berufe.
„Hallo Zukunft“ ist bewusst langfristig angelegt. Zum Projekt gehören zahlreiche Aktionen und Angebote, die über das ganze Jahr hinweg laufen. Herzstück ist der gemeinsame Aktionstag, den Schulen aktiv im Unterricht vorbereiten. Daneben organisiert das Netzwerk unter anderem Lehrererkundungstage und Elternformate. Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei die enge Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrkräften. Inzwischen beteiligen sich rund 30 Ausbildungsunternehmen aus der Gemeinde Hankensbüttel. Vertreten sind rund 80 Ausbildungsberufe und duale Studienplätze aus Handwerk, Pflege, Industrie, Verwaltung und Dienstleistung.
Aktionstag, um Berufe erlebbar zu machen
Orientierung entsteht oft erst dann, wenn junge Menschen Berufe direkt erleben können. Deshalb öffnen die Unternehmen beim Aktionstag gemeinsam ihre Türen und machen Ausbildung praktisch erlebbar. Am Ausbildungstag selbst wird die gesamte Gemeinde zur Berufsorientierungsplattform. Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, welche Unternehmen sie besuchen und welche Berufe sie kennenlernen möchten. Beim Bäcker wird gebacken, beim Sanitärbetrieb werden Rohre zusammengesteckt, in Industrieunternehmen entstehen Werkstücke oder kleine Mitmachaktionen. Genau dadurch entstand etwas, das vielen kleineren Unternehmen allein oft fehlt: Sichtbarkeit.

Warum das Netzwerk funktioniert
Obwohl das hankensbütteler kunststoffverarbeitung mit 80 Mitarbeitern zu den größeren Ausbildungsbetrieben der Region gehört, entschied sich das Unternehmen bewusst gegen einen Alleingang. „Viele Unternehmen kämpfen mit denselben Herausforderungen. Gemeinsam erreichen wir deutlich mehr Jugendliche,“ resümiert Geschäftsführerin Aline Henke die Entscheidung für die Projektinitiative.
Der Erfolg ist messbar, vor allem bei Praktika und Ausbildungsentscheidungen. Seit Gründung der Initiative konnte der Kunststoffverarbeiter über das Projekt mehr als 50 Ausbildungsplätze besetzen. Besonders wichtig sei dabei, in der Region stärker wahrgenommen zu werden: „Jeder Schüler aus unserer Ecke kennt ‚Hallo Zukunft‘ mittlerweile.“ Vor allem kleinere Unternehmen profitieren von der Initiative. Einige, die über Jahre kaum Bewerbungen erhalten hatten, gewinnen heute wieder Auszubildende über „Hallo Zukunft“.
Ein großer Teil der Organisation und Finanzierung wird dabei bewusst von der hankensbütteler kunststoffverarbeitung getragen. Wirtschaftlich rechnet sich das Projekt für den Mittelständler nicht unmittelbar. Trotzdem hält das Unternehmen bewusst daran fest, weil „Hallo Zukunft“ längst auch das Arbeitgeberimage des Unternehmens stärkt. „Am Ende geht es auch darum, als Arbeitgeber in der Region sichtbar und präsent zu sein“, betont Aline Henke.
Wo engagierte Unternehmen an Grenzen stoßen
Gleichzeitig ist allen Beteiligten klar: Fachkräftemangel lässt sich nicht allein durch Berufsorientierung lösen. Auch strukturelle Rahmenbedingungen wie die Infrastruktur spielen eine Rolle. Im ländlichen Raum entscheidet oft schon die Busverbindung über die Wahl des Ausbildungsplatzes. „Wenn der Bus nicht fährt, hat ein Schüler keine Chance, hierherzukommen“, sagt Schneider deutlich. Hier sieht das Unternehmen auch die Politik in der Verantwortung. Nachwuchsgewinnung wird damit zunehmend zum Standortfaktor.
Der vielleicht wichtigste Erfolg von „Hallo Zukunft“ ist der Perspektivwechsel: Nicht die Unternehmen werben um Aufmerksamkeit, sondern junge Menschen entdecken Berufe und Möglichkeiten für ihre Zukunft. Gerade mittelständische Unternehmen überzeugen dabei oft stärker mit echten Einblicken als mit klassischen Recruitingformaten. Nicht der lauteste Messestand gewinnt Auszubildende, sondern der Betrieb, den Jugendliche wirklich erleben können.
„Hallo Zukunft“ – warum das Netzwerk funktioniert
Initiiert wurde „Hallo Zukunft“ von der hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG. Heute organisiert das Unternehmen die Initiative gemeinsam mit rund 30 Ausbildungsunternehmen aus der Region Hankensbüttel.
Das Netzwerk verbindet Unternehmen, Schulen und Eltern, um Berufsorientierung praxisnäher zu gestalten. Herzstück ist der gemeinsame Ausbildungstag, bei dem Schülerinnen und Schüler Berufe direkt im Arbeitsalltag erleben.
Für die Unternehmen bedeutet das:
- höhere regionale Sichtbarkeit und
- direkter Austausch mit potenziellen Auszubildenden.
So entstehen oft nicht mehr Bewerbungen, sondern langfristigere Ausbildungsentscheidungen.

Die hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG
- Familiengeführtes Unternehmen aus Niedersachsen
- Gegründet 1973 in Hankensbüttel
- Spezialisiert auf technischen Kunststoffspritzguss für Industrie und Automotive
- Rund 80 Mitarbeitende in Deutschland
- Eigener Werkzeugbau und Fertigung von Klein- bis Großserien
- Mitinitiator des Ausbildungsnetzwerks „Hallo Zukunft“
- Geschäftsführerin: Aline Henke (2. Generation)






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