17.11.2025

Arbeit & Bildung

Ungenutzte Potenziale von Müttern – Wenn Investitionen in Familienfreundlichkeit zum Wettbewerbsvorteil werden

In vielen Unternehmen schlummern ungenutzte Talente – direkt unter den eigenen Mitarbeitenden. Eine aktuelle Studie der Prognos AG zeigt: Fast jede zweite teilzeitbeschäftigte Mutter würde gerne mehr arbeiten, wenn die betrieblichen Rahmenbedingungen stimmen – ein Potenzial, das Unternehmen im Kampf gegen den Fachkräftemangel nutzen sollten.

Dr. David Juncke, Experte für betriebliche Familienpolitik bei der Prognos AG, beschäftigt sich seit rund 20 Jahren damit, was Arbeitgeber tun können, damit Beruf und Familie besser vereinbar werden. In einem exklusiven Interview erläutert er, warum familienfreundliche Maßnahmen längst zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden sind – und warum offene Kommunikation dabei eine zentrale Rolle spielt.

DMB: Ihre neue Expertise "Mehr ist möglich!", die im Rahmen des Unternehmensprogramms ‚Erfolgsfaktor Familie‘ des Bundesfamilienministeriums entstand, beleuchtet das Potenzial von Müttern in Teilzeit. Welche Ziele standen hier im Vordergrund?

Dr. David Juncke: Uns ging es darum, die Diskussion über den Fachkräftemangel und das Arbeitskräfteangebot in Deutschland, um eine bislang wenig beachtete Perspektive zu erweitern. Häufig wird gefordert, dass Frauen angesichts ihrer hohen Teilzeitquote einfach mehr arbeiten sollen. Hauptgrund für die Teilzeit ist aber die Betreuung von Kindern. Kaum jemand fragt, was Mütter eigentlich wollen und welche Rahmenbedingungen sie benötigen, um ihre Arbeitszeiten auszuweiten. Essentiell ist natürlich ein bedarfsgerechtes und verlässliches Kinderbetreuungsangebot. Doch was können Arbeitgeber hier im eigenen Interesse beitragen? Wir wollten nicht über Mütter sprechen, sondern mit ihnen. Ziel war es herauszufinden, welche betrieblichen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Mütter ihre gewünschte Arbeitszeit realisieren können.

Prognos AG (2025): Mehr ist möglich! Was Betriebe tun können, damit Mütter ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen können. Expertise für das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“.

Welche Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt oder in den Unternehmen machen es besonders wichtig, das Potenzial von Müttern jetzt genauer zu betrachten?

Wir erleben derzeit eine paradoxe Situation: Einerseits schwächelt die Wirtschaft, andererseits klagen Unternehmen über massiven Fachkräftemangel. Dieses Spannungsfeld lässt sich nur auflösen, wenn wir vorhandene Potenziale besser ausschöpfen – vor allem das von Müttern, die bereits im Arbeitsmarkt stehen, aber ganz überwiegend in Teilzeit tätig sind. Der demografische Wandel wird diese Engpässe in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Im nächsten Wirtschaftsaufschwung wird der Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte noch schärfer. Gerade der Mittelstand kann hier viel bewirken, weil er in der Regel näher an den Beschäftigten ist und Vereinbarkeit pragmatischer gestalten kann als Großkonzerne.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der Expertise – und was hat Sie bei den Ergebnissen besonders überrascht?

Überraschend war vor allem die große Bereitschaft unter Müttern, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Fast jede zweite Teilzeitbeschäftigte würde mehr Stunden übernehmen, wenn sich die betrieblichen Rahmenbedingungen verbessern. Entscheidend ist vor allem mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung, etwa durch Mitsprache bei Dienstplänen oder die Möglichkeit, Arbeitszeiten zeitweise zu verändern. Viele Mütter wünschen sich zudem eine probeweise Erhöhung ihrer Stunden, um zu schauen, ob die Vereinbarkeit zwischen familiären Aufgaben und Beruf funktioniert.

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass Teilzeit nicht das Ende der Karriere bedeuten darf. Viele Frauen wollen sich weiterentwickeln, auch wenn sie (noch) nicht in Vollzeit arbeiten. Dabei spielt die Haltung von Führungskräften eine entscheidende Rolle: Unterstützung und Vertrauen machen oft den größten Unterschied.

Besonders aufschlussreich war zudem der Befund, dass viele Mütter überhaupt noch nie gefragt wurden, ob sie mehr Stunden arbeiten möchten. Schon ein solches Gespräch kann den entscheidenden Impuls geben.

Prognos AG (2025): Mehr ist möglich! Was Betriebe tun können, damit Mütter ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen können. Expertise für das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Potenziale von Müttern in Teilzeit – und welche Hürden müssen Unternehmen überwinden, um sie zu nutzen?

In vielen Betrieben werden Arbeitszeitmodelle kaum hinterfragt. Eine einmal getroffene Teilzeitregelung bleibt oft jahrelang bestehen, obwohl sich die Lebensumstände verändern. Regelmäßige Gespräche über Arbeitszeiten und Entwicklungsmöglichkeiten könnten hier viel bewirken. Gleichzeitig ist das Führungsverständnis in vielen Unternehmen noch sehr traditionell. Führung in Teilzeit gilt oft als schwer umsetzbar, obwohl Tandemmodelle oder geteilte Verantwortung in der Praxis längst funktionieren. Es fehlt also weniger an Lösungen als an Mut, sie auszuprobieren – und an Sichtbarkeit guter Beispiele, gerade im Mittelstand.

Welche praktischen Maßnahmen helfen Arbeitgebern dabei, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter zu erleichtern?

Man muss nicht viel Geld investieren, um etwas zu verändern. Wichtig ist vor allem, betriebliche Abläufe kritisch zu prüfen und flexibel anzupassen. Der offene und regelmäßige Austausch mit Müttern im Unternehmen – etwa durch persönliche Gespräche, anonyme Umfragen oder die Einbindung des Betriebsrats – hilft, ihre Bedürfnisse besser zu verstehen und passende Lösungen zu finden.

Wenn finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, sind Zuschüsse zur Kinderbetreuung eine sinnvolle Unterstützung. Sie reduzieren die finanziellen Belastungen für Mütter und verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Entscheidend bleibt jedoch, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die auf Dialog, Vertrauen und Flexibilität setzt.

Prognos AG (2025): Mehr ist möglich! Was Betriebe tun können, damit Mütter ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen können. Expertise für das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“.

Wenn Sie den Arbeitgebern im Mittelstand eine zentrale Botschaft mitgeben könnten – welche wäre das?

Oft lohnt es sich, zuerst im eigenen Team nach Talenten zu suchen. Gerade bei Frauen in Teilzeit können individuelle Lösungen für die Vereinbarkeit einen entscheidenden Unterschied machen. Mein einfacher Rat lautet daher: Fangt an, miteinander zu sprechen. Setzt das Thema Vereinbarkeit regelmäßig auf die Agenda und sucht gemeinsam nach passgenauen Lösungen.

Laden Sie sich hier Ihre offiziellen Handlungsempfehlungen des Unternehmensprogramms ‚Erfolgsfaktor Familie‘ des Bundesfamilienministeriums und der Prognos AG herunter:

Handlungsempfehlungen jetzt herunterladen

Die vollständige Prognos-Expertise “Mehr ist möglich! Was Betriebe tun können, damit Mütter ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen können” finden Sie hier.

Über diesen Link kommen Sie direkt zur Seite des Unternehmensprogramms “Erfolgsfaktor Familie” dort finden Sie zahlreiche Hilfen für die betriebliche Praxis.

Zur Person

Dr. David Juncke

Dr. David Juncke gehörte zum Gründungsteam des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik an der Universität Münster und befasste sich dort intensiv mit der Vereinbarkeitsfrage und betrieblicher Familienpolitik. Dementsprechend sind auch seine Arbeitsschwerpunkte bei der Prognos AG ausgestaltet: Neben der Familienpolitik von Bund, Ländern und Kommunen gehören Betriebe sowie die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden zu den Beratungsfeldern von Dr. David Juncke.

Zur Autorin

Luisa Lippert

Referentin Wirtschaft & Politik

+49 0211 200525-38
luisa.lippert@mittelstandsbund.de