04.05.2026

Arbeit & Bildung

„Warum holen wir die Praxis nicht einfach in die Schule?“

Das Social Startup LifeTeachUs im Interview

Eine Million Unterrichtsstunden fallen jede Woche aus. Eine Zahl, die hängen bleibt und der Ausgangspunkt für eine Idee, die so simpel wie wirkungsvoll ist: Warum diese Zeit nicht nutzen?

Das Team von LifeTeachUs hat genau daraus ein Modell entwickelt, das Schule und Praxis direkt miteinander verbindet. Statt Leerlauf kommen Menschen aus dem echten Leben, als sogenannte „LifeTeacher“, ins Klassenzimmer. Sie berichten aus ihrem Beruf, ihrem Fachwissen und ihren Erfahrungen zu bestimmten Themen.

Für den Mittelstand liegt darin eine oft unterschätzte Chance: früh sichtbar werden, Interesse wecken, Berufe greifbar machen. Nicht als klassische Nachwuchswerbung, sondern über echte Begegnungen. 

DMB: LifeTeachUs setzt genau dort an, wo Schule oft an Grenzen stößt. Wie funktioniert euer Ansatz?

Emily Eichenlaub (LifeTeachUs): Wir nutzen im Grunde ungenutzte Zeit. Jede Woche fallen rund eine Million Unterrichtsstunden aus. Statt Leerlauf bringen wir Menschen aus der Praxis in diese Stunden. Lehrkräfte stellen eine Anfrage und unsere LifeTeacher übernehmen. Das kann jemand aus dem HR sein, eine Gründerin, ein Handwerker oder eine Auszubildende.

Für die Schülerinnen und Schüler ist das oft der erste echte Einblick in die Arbeitswelt.

Daniela Röben (links) und Emily Eichenlaub (rechts)

Warum ist das aus eurer Sicht so relevant vor allem für Unternehmen?

Melina Blohm (LifeTeachUs): Weil viele Jugendliche verschiedene Berufe oder Branchen schlicht nicht kennen. Und was man nicht kennt, ist später bei der Berufswahl auch nicht sichtbar.
Gerade für Unternehmen ist das eine riesige Chance: Sie können früh sichtbar werden, ohne direkte Werbung, aber mit echten Inhalten und Einblicken.

Wenn jemand authentisch erzählt, wie sein Job aussieht oder wie eine Ausbildung wirklich abläuft, bleibt das hängen. Oft mehr als jede klassische Maßnahme. Viele Schülerinnen und Schüler entscheiden sich im Anschluss oft für ein Praktika oder sogar eine Ausbildung bei dem Unternehmen.

Was sind darüber hinaus konkrete Vorteile für Unternehmen?

Emily Eichenlaub: Drei Dinge sehen wir immer wieder.

Erstens: Sichtbarkeit in Zielgruppen, die man sonst schwer erreicht.

Zweitens: Glaubwürdiges Engagement, auch im Kontext von ESG oder gesellschaftlicher Verantwortung.

Und drittens: Entwicklung der eigenen Mitarbeitenden.

Wer eine Schulklasse überzeugt, kann Inhalte klarer vermitteln, spontaner reagieren und komplexe Themen herunterbrechen. Das wirkt sich direkt auf den Arbeitsalltag aus.

Das heißt, der Mehrwert liegt auch intern?

Melina Blohm: Das beobachten wir tatsächlich. Einige Unternehmen führen das sogar als Teil von Weiterbildungsprogrammen.

Wer vor einer Schulklasse steht, muss Inhalte ganz anders aufbereiten und bekommt sehr direktes Feedback. Das ist für viele eine neue Erfahrung und eine gute Übung für Kommunikation und Präsentation.

Melina Blohm (links), Emily Eichenlaib (mitte) und Luisa Lippert (rechts)

Wie aufwendig ist das Engagement konkret?

Emily Eichenlaub: Sehr überschaubar. Eine Einheit dauert in der Regel 45 Minuten. Man kann sich flexibel entscheiden, wann und ob man eine Anfrage annimmt, vor Ort oder digital.
Das macht es auch für vielbeschäftigte Fach- und Führungskräfte realistisch.

Wer engagiert sich bei euch typischerweise?

Emily Eichenlaub: Die Bandbreite ist groß, vom Berufseinsteiger bis zur Führungskraft. Wir haben auch Kooperationen mit Unternehmen, bei denen Mitarbeitende gezielt als LifeTeacher in Schulen gehen. Teilweise engagieren sich sogar Vorstände.

Gibt es klare Grenzen, gerade was Eigenwerbung angeht?

Melina Blohm: Ja. Es geht nicht darum, Produkte zu verkaufen oder aktiv Recruiting zu betreiben. Man darf natürlich erzählen, wo man arbeitet und was man macht, aber immer mit dem Fokus auf Einblicke, nicht auf Werbung. Das ist uns wichtig.

Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf eure Lifeteacher?

Melina Blohm: Sehr offen. Oft entstehen viele Fragen, gerade weil da jemand steht, der nicht bewertet.
Diese Gespräche sind häufig der Moment, in dem sich Perspektiven verändern, weil plötzlich jemand greifbar macht, wie ein Berufsweg wirklich aussieht.

Was ist eure Version für LifeTeachUs? Wo wollt ihr damit hin?

Emily Eichenlaub: Wir möchten, dass es selbstverständlich wird, sich in Schulen zu engagieren. Dass es genauso dazugehört wie eine Weiterbildung oder ein Workshop, vielleicht sogar als Teil eines Onboardings im Unternehmen.

Kurz gesagt: Wir wollen aus einem „Kann man machen“ ein „Macht man einfach“ machen.

Was würdet ihr Unternehmerinnen und Unternehmern konkret raten?

Emily Eichenlaub: Einfach ausprobieren. Der Aufwand ist gering, der Effekt oft größer als erwartet.
Und vielleicht noch ein Gedanke: Jede und jeder hat Wissen, das für andere wertvoll ist. Die Frage ist nur, ob man es teilt.

Zur Person

Emily Eichenlaub

Emily Eichenlaub ist Teil des Gründungsteams von LifeTeachUs und verantwortet als Head of Communications & Partnerships die strategische Kommunikation sowie den Aufbau von Kooperationen. Zuvor sammelte sie vielfältige Erfahrungen in Kommunikation, Medienarbeit und Partnerschaftsentwicklung. In ihrer Rolle treibt sie insbesondere die Positionierung der Organisation in Öffentlichkeit und Presse voran. Ihr Fokus liegt auf dem Aufbau nachhaltiger Partnerschaften zwischen Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bildung.

Melina Blohm

Melina Blohm ist Junior Partnership Managerin bei LifeTeachUs und baut strategische Partnerschaften im Bildungsbereich auf. Zuvor absolvierte sie eine Ausbildung zur Speditionskauffrau in Spanien und studierte Politikwissenschaften in Italien. Berufliche Erfahrungen sammelte sie in der Arbeit zu Menschenrechten, in Krisengebieten sowie im Kontext von Flucht und Migration. Durch ihre zweisprachige Erziehung und internationalen Stationen bringt sie eine starke interkulturelle Perspektive in ihre Arbeit ein.

Zur Autorin

Luisa Lippert

Referentin Wirtschaft & Politik

0211 200525-38
luisa.lippert@mittelstandsbund.de