20.11.2025
„Wer andere führt, muss zuerst sich selbst führen“

Führung im Mittelstand bedeutet, viele Rollen gleichzeitig auszufüllen – strategisch denken, operativ handeln und dabei die eigenen Ressourcen im Blick behalten. Wie das gelingen kann, erklärt Führungskräfteexpertin Stefanie Salata, Gründerin der Top-Führungskräfteagentur “Stella Circle”. Im Gespräch spricht sie über die besonderen Herausforderungen für Führungskräfte in kleinen und mittleren Unternehmen, die Bedeutung von Selbstführung – und warum gute (Selbst) Führung kein Luxus, sondern ein echter Produktivitätsfaktor ist.
DMB: Sie begleiten seit Jahren Führungspersönlichkeiten, oft in kleinen und mittleren Unternehmen. Welche zentralen Herausforderungen erleben Sie dort?
Stefanie Salata: Mittelständische Strukturen sind direkt und pragmatisch. Das ist eine große Stärke, weil Entscheidungen schneller fallen und der Kontakt zum Tagesgeschäft eng bleibt. Gleichzeitig übernehmen viele Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer fast alle Rollen zugleich – von der Strategie bis zum Krisenmanagement. Was dabei oft fehlt, ist Zeit für Reflexion. Viele sagen mir: „Strategie? Ja, müsste man… aber dazu komme ich gerade nicht.“ Das Dringende überlagert das Wichtige.
Wie wirkt sich diese Doppelbelastung aus strategischer und operativer Verantwortung im Arbeitsalltag aus?
Es ist ein enormer Kraftakt. In einer früheren Führungsrolle, die ich ausgeübt habe, waren die Strukturen so, dass ich selbst über kleinste Beträge selbst entscheiden sollte– Aufgaben, die andere hätten übernehmen können. Das blockiert strategisches Denken. Erfolgreiche Führungskräfte schaffen sich bewusst Freiräume. Das geht über Delegation, Disziplin und die Bereitschaft, Verantwortung abzugeben. Man kann den Tag nicht verlängern – aber neu strukturieren.
Gerade in kleineren Unternehmen sind Führungskräfte oft auf sich gestellt. Wie wirkt sich diese Isolation im Führungsalltag aus?
Allein zu führen ist selten gesund. Ohne Austausch fehlt häufig der Blick von außen, um blinde Flecken zu erkennen oder Entscheidungen zu hinterfragen. Viele Unternehmer sind brillante Entscheider, drehen sich aber im Kreis, wenn sie keine neuen Perspektiven bekommen. Natürlich kann man auch viel allein machen – den entscheidenden Schubser lassen sich viele Topleute noch von außen geben.
Deshalb lohnt es sich, Räume für ehrlichen Austausch zu schaffen – sei es in Gesprächen mit Mitarbeitenden, in Unternehmerkreisen oder durch Sparring wie bei uns. Dort entstehen häufig genau die Impulse, die im Arbeitsalltag fehlen, und die helfen, Entscheidungen klarer und mutiger zu treffen. Wichtig ist jemanden zu haben, der von sich aus Impulse gibt und einen auf Dinge verweist, die man selbst nicht auf dem Schirm hatte. Alle drei Gruppen sind wichtig, jede hat ihre eigene Funktion.
Wie gelingt es erfolgreichen Führungspersönlichkeiten, ihre eigenen Ressourcen zu schützen und gleichzeitig für das Unternehmen da zu sein?
Indem sie Führung und auch Selbstführung als zentrale Aufgabe begreifen. Gute Führung steigert die Produktivität um bis zu 20 Prozent und senkt Krankheitsraten – das ist messbar.
Trotzdem behandeln viele Führung als Nebenthema. Viele denken, sie hätten dazu keine Zeit. “Das läuft schon”. Ein Schlüssel ist, Entscheidungen klar zu strukturieren: Kleine Themen schnell klären, bei großen bewusst Tempo herausnehmen, Meilensteine setzen und den Entscheidungszeitpunkt festlegen. Diese Mischung aus Schnelligkeit und Struktur schafft Klarheit und Umsetzungsstärke im Unternehmen und man kommt mehr zum Gestalten. Und dazu gehört unbedingt das Thema Führung und auch die Führung der eigenen Person dazu.
Ein Vorstand, den ich begleitet habe, ging deshalb mittwochs konsequent um 16.30 Uhr zum Sport – egal was war „Nur so konnte er diesen Job langfristig schaffen“, hat er gesagt. Das klingt banal, aber es ist der Kern guter Führung: Wer andere führt, muss zuerst sich selbst führen und es geht.
Wo liegen die größten Stolpersteine zwischen Selbstverantwortung und Fürsorge für andere?
Viele Führungskräfte haben das Gefühl: Wenn ich mich um mich selbst kümmere, bin ich egoistisch. Ein völliger Irrglaube. Eine junge Führungskraft sagte mir einmal, sie wolle gerne aus privaten Gründen dienstags früher gehen, hatte aber ein schlechtes Gewissen. Ich halte die Tugend sich aufzureiben für veraltet. Man muss sich um sich selbst kümmern um für das Unternehmen entsprechend zu leisten und wichtig gestalten zu können.

Welche Rolle spielen gezielte Investitionen in Weiterbildung? Oft scheint es so, als würden viele Mittelständler lieber in Maschinen als in Menschen investieren.
Weiterbildung ist zentral für Motivation, Engagement und langfristigen Erfolg. Mitarbeitende, die regelmäßig geschult werden, arbeiten effizienter, fühlen sich wertgeschätzt und bleiben eher im Unternehmen. Gerade im Mittelstand können Investitionen in Weiterbildung ein echter Wettbewerbsvorteil sein. Viele investieren hier deutlich weniger als große Unternehmen.
Schon kleine, gezielte Maßnahmen – regelmäßige Impulse, Workshops oder begleitende Unterstützung – können viel bewirken. Einer der großen Vorteile des Mittelstands gegenüber großen Unternehmen ist die Kultur. Diese zu nutzen und dennoch ergänzend weiterhin in die Weiterbildung zu investieren kann große Wettbewerbsvorteile erwirken.
Der wichtigste Faktor in Unternehmen bleibt der Mensch. Mitarbeitende schaffen die Verbindung zu Kunden, bringen Energie ins Team und prägen den Spirit im Unternehmen.
Welche Botschaft möchten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern in Bezug auf Führungsverantwortung mitgeben?
Konzentrieren Sie sich auf zwei Dinge: Talentmanagement und digitale Geschäftsmodelle – und verknüpfen Sie beides miteinander. Kümmern Sie sich um sich selbst, schaffen Sie Freiräume für strategisches Denken und investieren Sie in Ihre Mitarbeitenden. Denn Vertrauen schafft Geschwindigkeit. Geschwindigkeit schafft Wettbewerbsvorteile. Und beides beginnt bei guter Führung.



Kommentar abgeben