22.01.2026
„Wirtschaftliche Bildung bleibt häufig abstrakt“

Unternehmerisches Denken beginnt in der Schule
Die Schule ist der Schlüssel, um junge Menschen für das Unternehmertum zu begeistern. Doch dies gelingt zu selten. Ivo Andrade arbeitet bei der Bertelsmann-Stiftung im Projekt „Junge Menschen und Wirtschaft“ und erklärt im Interview, was das System Schule leisten kann, und wo die Politik nachsteuern muss.

Zuvor arbeitete er als Berater im öffentlichen Sektor und als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politik. Er studierte den Master „Public Economics, Law and Politics” an der Leuphana Universität in Lüneburg und machte zuvor seinen Bachelor in „Sozialökonomie“ an der Universität Hamburg.
DMB: Herr Andrade, welche Kompetenzen sollten Schulen heute stärker vermitteln, um junge Menschen besser auf unternehmerisches Denken und Handeln vorzubereiten?
Ivo Andrade: Unternehmerisches Denken heißt vor allem: Chancen erkennen, Verantwortung übernehmen und aktiv gestalten – in Schule, Beruf und Gesellschaft.
Dafür brauchen junge Menschen vor allem Eigeninitiative und Proaktivität. Also den Mut, selbst ins Handeln zu kommen, statt auf Vorgaben zu warten. Genauso wichtig sind Problemlöse- und Innovationskompetenzen, um Herausforderungen als Gestaltungsaufgaben zu begreifen und neue Lösungen zu entwickeln.
Was braucht es darüber hinaus?
Entscheidungs- und Risikokompetenz, die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit verantwortungsvoll zu handeln, sowie Kooperations- und Kommunikationskompetenzen, um Ideen gemeinsam weiterzuentwickeln und umzusetzen. Unternehmerisches Handeln bedeutet dabei immer auch Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt.
Angenommen den Schulen gelingt es, all das zu vermitteln – was muss dann passieren?
Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Kompetenzen. Problemlösefähigkeit ohne Eigeninitiative bleibt wirkungslos, Risikobereitschaft ohne Verantwortungsbewusstsein kann gefährlich werden, und Eigeninitiative ohne Teamfähigkeit führt selten zum Erfolg.
Ebenso wichtig wie die Frage nach den Kompetenzen ist die Frage nach den Lernformen. Unternehmerische Kompetenzen entstehen nicht durch isoliertes Fachwissen, sondern durch Lerngelegenheiten, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und eigene Ideen realisieren.

Wo fehlt es aus Ihrer Sicht im Schulalltag am meisten an Praxisbezug in der wirtschaftlichen Bildung?
Wirtschaftliche Bildung ist noch zu selten mit echten Handlungsspielräumen verbunden. Eine aktuelle Erhebung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und unserer Stiftung zeigt das deutlich: Zwar halten 74 Prozent der befragten jungen Menschen unternehmerische Kompetenzen für wichtig, aber nur 36 Prozent bringen ihre eigenen Ideen regelmäßig in der Schule ein.
Worauf deuten diese Zahlen hin?
Das verweist auf einen zentralen Bruch im Schulalltag: Es wird viel über Wirtschaft gesprochen, aber zu wenig durch eigenes wirtschaftliches Handeln gelernt. Wirtschaftliche Bildung bleibt dadurch häufig abstrakt, prüfungsorientiert oder normativ statt erfahrungsbasiert, gestaltend und zukunftsgerichtet.
Wie lässt sich Praxisbezug herstellen?
Mehr Praxisbezug ließe sich vor allem durch drei Hebel erreichen: Erstens durch reale Projekte mit Verantwortung, etwa Schülerfirmen oder Projektwochen, in denen Entscheidungen tatsächlich Konsequenzen haben. Zweitens durch externe Perspektiven, zum Beispiel durch Unternehmer:innen, Gründer:innen oder soziale Innovator:innen; Formate, die sich mehr als zwei Drittel der befragten Schüler:innen ausdrücklich wünschen. Und drittens durch die konsequente Anwendung wirtschaftlicher Inhalte auf lebensnahe Fragen: Wie setze ich eine Idee um? Wie finanziere ich ein Projekt? Wie treffe ich Entscheidungen unter Unsicherheit?

Welche Rolle spielen Lehrkräfte und schulische Strukturen bei der Förderung unternehmerischer Kompetenzen – und wo stoßen sie dabei an Grenzen?
Lehrkräfte sind die zentralen Ermöglicher:innen unternehmerischer Bildung, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen lassen dies zu.
Junge Menschen bringen sich vor allem dann ein, wenn ihre Ideen ernst genommen werden, wenn sie Gehör finden und wenn klar ist, an wen sie sich wenden können. Lehrkräfte übernehmen hier eine Schlüsselrolle.
Wie entstehen daraus unternehmerische Kompetenzen?
Unternehmerische Kompetenzen entstehen dort, wo Lehrkräfte eigenständige Entscheidungen zulassen, Mut machen, neue Wege auszuprobieren, und eine wertschätzende Feedback- und Fehlerkultur fördern.
Gleichzeitig stoßen Lehrkräfte im bestehenden System häufig an Grenzen. Starre Lehrpläne und enge Zeitvorgaben, eine starke Prüfungs- und Notenorientierung sowie die fehlende systematische Verankerung von Entrepreneurship Education in der Lehrkräfteaus- und -fortbildung erschweren die Förderung erheblich.
Dass sich laut unserer Erhebung nur rund die Hälfte der jungen Menschen traut, Verbesserungsvorschläge in ihrer Schule zu machen, zeigt deutlich: Es braucht nicht nur engagierte Lehrkräfte, sondern auch Veränderungen im System.

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