04.05.2026

Digitalisierung

„Das größte Risiko ist nicht KI, sondern Innovationsstillstand“

Mehr als jedes zweite mittelständische Unternehmen nutzt bereits Künstliche Intelligenz. Doch Bürokratie, Kosten und Fachkräftemangel verhindern oft den nächsten Schritt. Marc Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutscher Mittelstands-Bund (DMB) erklärt, warum jetzt politische Weichenstellungen entscheidend sind.

DMB: Herr Tenbieg, warum ist Ihnen das Thema KI persönlich so wichtig?

Marc Tenbieg: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz entscheidet zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen geht es darum, produktiver zu werden, Fachkräfteengpässe abzufedern und international konkurrenzfähig zu bleiben. KI kann hier ein entscheidender Hebel sein, nicht nur für Effizienz, sondern auch für Innovation und neue Geschäftsmodelle. Wenn wir dieses Potenzial nicht nutzen, hat das direkte Auswirkungen auf Wachstum, Arbeitsplätze und unseren Standort.

Wo steht der Mittelstand aktuell beim Thema KI? 

Der Mittelstand ist neugierig und sehr aktiv. Unser KI-Mittelstandsindex zeigt: Mehr als jedes zweite Unternehmen nutzt oder testet KI bereits. Der Einsatz ist aber oft noch punktuell – etwa in der Buchhaltung, im Kundenservice oder bei der Datenanalyse. Das bringt zwar schnelle Effizienzgewinne, aber ein strategischer Einsatz für die Weiterentwicklung des Unternehmens bleibt häufig aus.

Dabei hat KI das Potenzial, Innovation voranzutreiben und ganze Geschäftsmodelle zu verändern. Konkret bedeutet das: die Entwicklung neuer Dienstleistungen, datenbasierter Geschäftsmodelle oder völlig neuer Prozesse, um nicht nur schneller, sondern anders zu arbeiten. Da müssen wir in Deutschland besser werden.

«KI hat das Potenzial, Innovation voranzutreiben und ganze Geschäftsmodelle zu verändern.»

Was hören Sie aus den Unternehmen: Wo liegen die größten Hürden?

Die Hürden sind sehr klar: Unsicherheit bei Regulierungen, hohe Investitionskosten und fehlende Fachkräfte. Viele Unternehmen wissen genau, was sie tun müssten. Sie können es sich aber oft nicht leisten oder schrecken vor der Komplexität zurück. Das führt dazu, dass KI häufig auf die Nutzung für Effizienzsteigerung beschränkt bleibt und ihr Innovationspotenzial nicht ausgeschöpft wird. Hinzu kommt: Anders als große Konzerne erhalten kleine und mittlere Unternehmen kaum gezielte Unterstützung. Die Förderlandschaft gleicht für viele einem Dschungel. Dabei reden wir über 3,5 Millionen Unternehmen und über mehr als 60 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland. Wenn diese Betriebe nicht vorankommen, hat das enorme Auswirkungen. KI scheitert im Mittelstand nicht am Willen, sondern an den Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig haben viele Menschen Sorgen, durch KI ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Wie sollten Unternehmen damit umgehen?

«Wir haben kein Jobproblem, sondern ein Qualifikationsproblem.»

Diese Sorgen sind verständlich. KI wird Arbeit verändern. Und ja: Es wird auch Fälle geben, in denen Jobs wegfallen. Aber in der Praxis ersetzt KI selten ganze Arbeitsplätze, sondern verändert Aufgaben. Die entscheidende Frage ist nicht, wer ersetzt wird, sondern wer befähigt wird. Anders gesagt: Wir haben kein Jobproblem, sondern ein Qualifikationsproblem.

Die größere Gefahr ist, dass wir die KI-Revolution verschlafen. Dann verlieren wir im internationalen Wettbewerb und am Ende auch mehr Arbeitsplätze. Das größte Risiko ist nicht KI, sondern Innovationsstillstand.

Was bedeutet das konkret für Unternehmen?

Für Unternehmen heißt das vor allem, stärker in Weiterbildung zu investieren. Für viele kleine Betriebe ist das allerdings eine große Herausforderung, weil ihnen Zeit, Geld und oft auch die nötigen Strukturen im Personal oder IT-Bereich fehlen. Daraus entsteht eine reale Gefahr: eine wachsende Kluft zwischen Unternehmen, die KI erfolgreich nutzen, und denen, die den Anschluss verlieren.

Wie groß ist das Risiko, dass ein Teil des Mittelstands bei KI ins Hintertreffen gerät?

Das Risiko ist sehr real. Wenn etwa die Hälfte der KMU KI nutzt, bedeutet das im Umkehrschluss auch: Die andere Hälfte tut es nicht. Wir steuern damit auf eine Spaltung im Mittelstand zu. Die einen werden produktiver und innovativer, die anderen verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.

Um das zu verhindern, brauchen wir vor allem mehr qualifizierte Fachkräfte. ‚KI made in Germany‘ kann ein Erfolgsmodell sein, aber dafür brauchen wir deutlich bessere Voraussetzungen in Bildung und Infrastruktur. Auch in den Schulen gibt es hier noch großen Nachholbedarf.

Was erwarten Sie vor diesem Hintergrund konkret von der Politik?
 

Die Politik muss jetzt die richtigen Weichen stellen. Wir brauchen klare und verständliche gesetzliche Regulierungen, bessere Investitionsbedingungen und vor allem einen deutlich stärkeren Fokus auf Bildung und Qualifizierung. Konkret heißt das: einfachere und zugängliche Förderprogramme, bessere Abschreibungsbedingungen für KI-Investitionen und praxisnahe Unterstützung für Unternehmen vor Ort.

Wir können uns nicht dauerhaft darauf verlassen, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Wir müssen Exzellenz im eigenen Land aufbauen: in Schulen, Ausbildungsbetrieben und Hochschulen.

«Wir müssen Exzellenz im eigenen Land aufbauen: in Schulen, Ausbildungsbetrieben und Hochschulen.»

Der Mittelstand ist bereit. Jetzt braucht es mutige Strukturreformen. Wenn wir das nicht schaffen, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit.

Zur Person

Marc S. Tenbieg

Geschäftsführender Vorstand