17.11.2025

Digitalisierung

Digitale Souveränität: Dringender denn je, rasches Handeln erforderlich

Unternehmen werden immer abhängiger von außereuropäischen Technologieanbietern. Während die Bundesregierung digitale Souveränität zum Fokus des Europäischen Digitalgipfels 2025 am 18. November in Berlin erklärt, sichern sich außereuropäische Technologiekonzerne immer größerem Einfluss auf Daten und Infrastrukturen. Warum gerade kleine Unternehmen dennoch auf schnelle Besserung warten müssen und welche Folgen das für die Gesamtwirtschaft hat, kommentiert DMB-Referent Patrick Schönowski.

Die digitale Souveränität bleibt erklärtes Ziel der Bundesregierung, doch die Realität zeigt das Gegenteil: Deutschlands Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern wächst weiter. Wenn Europa jetzt nicht entschlossen gegensteuert, droht seine digitale Eigenständigkeit mit Folgen für Innovation, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit verloren zu gehen. Der Europäische Digitalgipfel muss deshalb ein klares Signal setzen, damit Unternehmen wieder mehr digitale Handlungsfreiheit gewinnen und Europa technologisch nicht weiter zurückfällt.

Digitale Selbstbestimmung als strategischer Wettbewerbsvorteil

Unternehmen müssen frei entscheiden können, welche Hard- und Software sie einsetzen. Diese Wahlfreiheit ist Voraussetzung für Innovation und Sicherheit im Wettbewerb. Solange europäische Alternativen aber kaum marktfähig oder zu teuer sind, bleibt diese Freiheit theoretisch. Deshalb sollte die Bundesregierung zusammen mit europäischen Partnern endlich verlässliche politische Rahmenbedingungen schaffen, die europäische Digitalanbieter gezielt stärken: offene Standards durchsetzen und die Fragmentierung nationaler Digitalstrategien überwinden. Digitale Vielfalt ist das Fundament technologischer Unabhängigkeit.

Fehlende Strategie verschärft Schieflage

Europäische Initiativen zeigen, dass Ankündigungen allein nicht ausreichen. Beispielhaft lässt sich das Dateninfrastruktur-Projekt Gaia-X nennen: Der Erfolg bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, während auf der anderen Seite US-Technologiekonzerne ihren Einfluss in Europa durch milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen weiter ausbauen. Diese Schieflage gegenüber internationalen Wettbewerbern verschärft die Abhängigkeit. Studien wie die von Bitkom zeigen, wie Deutschland beim Aufbau eigener digitaler Strukturen hinterherhinkt.

„Wir können uns keine zusätzlichen Abhängigkeiten mehr leisten. Während wir über Digitale Souveränität reden, versuchen die Big-Tech-Konzerne mit ihren Investitionsankündigungen vollendete Tatsachen zu schaffen. Jeder Euro für US-Clouds ist ein Tribut, der unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit systematisch untergräbt.“

Das bekräftigt Harald Wehnes, Professor für Informatik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises "Digitale Souveränität" der Gesellschaft für Informatik e.V. Er zeigt einen klaren Weg in die digitale Eigenständigkeit:

„Die Alternativen sind längst vorhanden und einsatzbereit. Es geht nicht mehr ums Aufholen, sondern darum, endlich unsere eigenen Lösungen zu nutzen – statt unsere eigene Abhängigkeit weiter zu finanzieren und uns damit erpressbar und manipulierbar zu machen.“

Wettbewerbsrealität begrenzt unternehmerische Handlungsspielräume

Unternehmen tragen die Folgen der digitalen Unsouveränität, können sie aber nicht allein beseitigen. Viele Betriebe sind von marktbeherrschenden Softwarelösungen abhängig, die durch ihre Verbreitung und Kompatibilität faktisch als Branchenstandard gelten. Für viele Betriebe sind europäische Alternativen derzeit schlicht nicht wirtschaftlich – weder effizient noch finanzierbar.

Hier liegt die eigentliche Aufgabe der Politik: faire Voraussetzungen schaffen, damit Unternehmen nicht zwischen Effizienz und Souveränität wählen müssen. Nur tragfähige europäische Strukturen sichern langfristig Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft.

„Unternehmen sehen die digitale Souveränität eher als gesamtwirtschaftlich wichtiges Thema an, weniger als unmittelbare Priorität für ihr eigenes Geschäft“, erklärt Dr. Thomas Niebel und verweist auf repräsentative Umfragen des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW in Mannheim. Zwar sollten Unternehmen die Risiken sensibler wahrnehmen, aber er stellt auch fest, dass „die Marktmacht und der Technologievorsprung einzelner Anbieter teils so groß ist, dass eine freie, souveräne Entscheidung schwierig wird.“

„Beim Thema generative Künstliche Intelligenz, wie ChatGPT, fühlt sich beispielsweise mehr als jedes dritte Unternehmen in der Informationswirtschaft und etwa jedes vierte Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe sehr abhängig von nicht-europäischen Anbietern“, führt sein Kollege Dr. Daniel Erdsiek auf Basis des Branchenreports November 2025 weiter aus.

Digitalgipfel als Startpunkt für Umsetzung

Der Europäische Digitalgipfel darf kein Symboltreffen bleiben. Er muss konkrete Maßnahmen auf den Weg bringen:

  • Eine europäische Digitalstrategie, die technologische Entwicklung und Datenspeicherung konsequent im europäischen Raum verankert.
  • Die gezielte Förderung digitaler Lösungen auf Basis offener Standards.
  • Einen entschlossenen Einsatz europäischer Technologien, insbesondere in der öffentlichen Verwaltung.
Europäischer Digitalgipfel muss erste Impulse setzen

Kurzfristige Erfolge sind zwar beim Europäischen Gipfel nicht zu erwarten, doch auf lange Sicht entscheiden die jetzt eingeleiteten Schritte über die digitale Unabhängigkeit der europäischen Wirtschaft. Denn jeder Fortschritt hin zu mehr digitaler Eigenständigkeit stärkt Europas Innovationskraft und schafft eine vielfältigere Wettbewerbslandschaft.

Zur Person

Patrick Schönowski

Referent Wirtschaft und Politik