06.11.2025
KI-Investitionen mit Augenmaß
Viele Unternehmen setzen große Hoffnung in Künstliche Intelligenz (KI). Sie soll Prozesse optimieren und einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen. Doch die Realität zeigt: Nicht jede KI-Investition führt zu messbarem Erfolg. Kurzfristige Umsatzgewinne bleiben häufig aus. Damit KI tatsächlich zum Erfolgsfaktor wird, kommt es auf eine klare Strategie und den richtigen Einsatz an.
Mehr KI-Investitionen, aber noch keine garantierten Gewinne
Unternehmen investieren zunehmend in KI. Laut der DMB-Salesforce-Studie 2024 plant bereits jedes vierte mittelständische Unternehmen, bis Ende 2025 KI-Technologien einzuführen oder ihren Einsatz weiter auszubauen. Die Studie des US-Unternehmens IBM bestätigt diesen Trend: Zwei von drei Unternehmerinnen und Unternehmern wollen ihre Investitionen in KI 2025 erhöhen.
Doch Umsatzgewinne durch KI bleiben oft aus. Weniger als die Hälfte der Unternehmen verzeichnet eine messbare Verbesserung, so die IBM-Studie. Und das US-amerikanische Massachusetts Institute of Technology kommt mit ihrer Studie zum Stand von KI zu einem noch deutlicheren Ergebnis: In 19 von 20 Pilotprojekten mit generativer KI stieg der kurzfristige Umsatz nicht. Das dies kein Einzelfall ist, zeigt die internationale Debatte: Um Geduld hat kürzlich Børge Brende, Präsident des Weltwirtschaftsforums, gemahnt. Er sieht KI nicht als kurzfristigen Gewinn, sondern als langfristigen Prozessbeschleuniger.
„KI steigert nicht automatisch überall die Effizienz. Sie zahlt sich aus, wenn sie mit ergänzenden Investitionen einhergeht: Ausbildung von Mitarbeitern, saubere Datapipelines, Neugestaltung von Prozessen, Changemanagement und klare Zuständigkeiten“, betont Kevin Bauer, Professor für Spieltheoretische und Kausale KI an der Goethe-Universität Frankfurt.
Wie können KMU KI effizient einsetzen?
Viele KI-Investitionen lohnen sich nur dann, wenn sie gezielt auf die eigenen Prozesse zugeschnitten sind. KMU können Wettbewerbsvorteile erzielen, wenn sie vor der Einführung eine klare Strategie entwickeln und die Erfolgsaussicht realistisch einschätzen. Fünf Leitlinien helfen dabei:
- 1. Effizienz bei wiederholenden Arbeitsabläufen steigern
KI lohnt sich besonders bei wiederkehrenden Aufgaben. Also Tätigkeiten, die regelmäßig anfallen, klar definiert sind und wenig Entscheidungsspielraum erfordern. Dazu gehören zum Beispiel das Formulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Gesprächsprotokollen.
Auch standardisierte Arbeitsschritte, die formalisiert und regelbasiert ablaufen, lassen sich durch KI effizienter gestalten. So können Mitarbeitende Dokumente schneller nach bestimmten, definierten Informationen durchsuchen oder die Qualität von Produkten prüfen. Wichtig ist dabei, sorgfältig zu prüfen, ob eine Automatisierung unerwünschte Folgen haben könnte. Bei geschäftskritischen Prozessen oder sensiblen Daten ist besonders darauf zu achten.
Professor Kevin Bauer präzisiert: „Schnelle, risikoarme Gewinne lassen sich dort erzielen, wo reichlich Daten vorhanden sind sowie die Aufgaben digital, repetitiv und regelbasiert sind.“ Prozesse sind regelbasiert, wenn eingehende Daten eine definierte Aktion auslösen. So kann das System zum Beispiel bei einer Terminanfrage automatisch den Kalender prüfen und gegebenenfalls eine Bestätigung an den Kunden senden.
Stephan Schneider, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik und KI an der Fachhochschule Kiel (HAW Kiel), sieht das ähnlich: „Gute KI-Projekte entstehen aus konkreten Bedarfen, nicht aus Technikinteresse. Unternehmen sollten dort ansetzen, wo Routinen Zeit binden oder Wissen fragmentiert ist. Entscheidend ist, klein zu starten, Erfahrungen zu sichern und den Nutzen nachvollziehbar zu machen.“
- 2. KI bewährt sich bei administrativen Aufgaben
Bestimmte Abteilungen profitieren stärker von KI-Anwendungen als andere. Besonders klassische Bürotätigkeiten im Backoffice bieten großes Potenzial für Effizienzsteigerungen. KMU können KI auch im Kundenservice sowie in der Planung von Beschaffung und Logistik wirkungsvoll einsetzen. Finanz- und Compliance-Abteilungen funktionieren zwar ebenfalls regelbasiert. Der Nutzen hängt hier jedoch stark vom jeweiligen Anwendungsfall ab. Denn nicht immer kann KI bereits die rechtlichen Verbindlichkeiten gewährleisten.
- 3. Kompetenzen fördern statt reine Technikoptimierung
Damit KI erfolgreich in der Praxis eingesetzt werden kann, braucht es gezielte Schulungsangebote für Mitarbeitende. Dabei stehen weniger technische Kenntnisse im Vordergrund, sondern vielmehr das Verständnis, wie KI sinnvoll genutzt werden kann und wofür nicht.
Professor Stephan Schneider ergänzt: „KI-Kompetenz wird zunehmend Teil beruflicher Grundbildung und betrifft Unternehmen aller Branchen. Besonders relevant ist sie dort, wo Entscheidungen datenbasiert vorbereitet oder Prozesse digital unterstützt werden. Weiterbildungen ermöglichen es, Beschäftigten zu verstehen, wie KI funktioniert, welche Auswirkungen sie auf die eigene Arbeit hat und wo Verantwortung bleibt.“ Ebenso relevant: Individuell erworbenes Wissen sollte im Team geteilt werden. So wird aus individuellem Lernen ein nachhaltiger Prozess des organisationalen Lernens, betont er.
„Selbst einfache Workshops zum Thema Prompting können schon helfen den Umgang mit GenAI zu verbessern, Algorithmus-Aversion zu verringern und das Vertrauen zu stärken. Dabei sollte immer die Neustrukturierung von Prozessen, bei denen die menschliche Nutzung von GenAI im Zentrum stehen, mit vermittelt werden,“ so Professor Kevin Bauer.
KI kann nicht nur die Produktivität steigern, sondern auch als Analysetool Fachkräfte in der Personalentwicklung unterstützen. Sie hilft dabei, Lernpotenziale und vorhandene Kompetenzen besser sichtbar zu machen, sodass KMU Weiterbildungsangebote individueller gestalten können. „In der Personalbeschaffung und -entwicklung kann KI helfen, Kompetenzen sichtbarer zu machen, Lernpotenziale zu erkennen und Fachkräfte gezielter einzusetzen, wie aktuelle Forschungsarbeiten an der HAW Kiel zeigen”, erläutert Professor Stephan Schneider.
- 4. Verantwortlichkeiten und Gestaltungsfreiheiten definieren
Damit der Einsatz von KI im Unternehmen erfolgreich gelingt, muss es klare Regeln geben. Mitarbeitende müssen wissen, welchen Handlungsspielraum sie bei der Umsetzung haben und wo Grenzen der Verantwortung liegen. Die Einführung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Neue Lösungen entstehen nicht sofort, sondern schrittweise – teils durch Ausprobieren – und zunächst müssen Zuständigkeiten definiert werden. Teams sollten genau wissen, welche Prozesse sie eigenständig anpassen dürfen und wo menschliche Kontrolle notwendig bleibt.
Um neue KI-Verfahren zu erproben, sollten Mitarbeitende zudem erlaubten Freiraum erhalten, beispielweise um auf Daten und Fachwissen anderer Abteilungen zugreifen zu können. Ebenso muss klar kommuniziert werden, ob KI intern oder auch in externen Bereichen eingesetzt werden soll, z. B. in der Kundenkommunikation oder in rechtsrelevanten Vorgängen. Dabei darf nicht vergessen werden: Geschäftskritischen Entscheidungen sollten niemalsvollständig an KI-Systeme abgegeben werden.
Professor Kevin Bauer empfiehlt: „Streben Sie Komplementarität zwischen Menschen und KI an, sodass die Zusammenarbeit besser ist als die Einzelteile, nicht vollständige Automatisierung.“
- 5. Wirkung regelmäßig prüfen
KI ist kein einmaliges Investitionsprojekt. Ihr echter Mehrwert entsteht langfristig. Entscheidend ist, Prozesse kontinuierlich zu analysieren und zu optimieren. KI-Module lassen sich dazu schrittweise oder parallel in Teams mit unterschiedlichen Schwerpunkten einführen. Mithilfe von „Was-wäre-wenn“-Szenarien lässt sich im Vorher-Nachher-Vergleich genau erkennen, welche konkreten Veränderungen die neuen Tools tatsächlich bewirken
KI-Potenzial gezielt nutzen:
Strategie vor Investition: KI bringt nur dann Mehrwert, wenn klare Ziele und eine durchdachte Strategie definiert sind.
Fokus auf wiederkehrende Aufgaben: Effizienzgewinne entstehen besonders in standardisierten und administrativen Prozessen.
Mitarbeitende einbeziehen: Schulung und kollektives Lernen sichern nachhaltigen Erfolg und steigern den Nutzen von KI.

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