04.12.2025

Digitalisierung

„Ich verstehe jeden Beamten, der da resigniert“

Als die Unternehmerin Birgitt Farenski aus Mülheim an der Ruhr eine Rechnung über knapp 400.000 Euro an einen ihrer Kunden verschickte, ahnte sie nicht, dass sie kurz darauf selbst zum Opfer eines perfiden Cyberbetrugs werden würde. Die E-Mail mit der Rechnung wurde auf dem Weg zum Empfänger abgefangen und manipuliert – die Kontodaten ausgetauscht. Wäre die Summe an die Betrüger überwiesen worden, hätte das für Farenskis mittelständisches Unternehmen FP Verpackung & Logistik das Aus bedeuten können.

Dass es nicht so kam, war reines Glück: Die Buchhaltung des Kunden erkannte den Betrugsversuch rechtzeitig. Doch der Schock sitzt tief. Denn trotz eindeutiger Hinweise konnte die Polizei wenig ausrichten – rechtliche Lücken machten eine konsequente Strafverfolgung unmöglich. Farenski fordert deshalb: Die Gesetze müssen dringend angepasst werden, damit Behörden bei solchen Fällen schneller und wirksamer handeln können.

Im Gespräch schildert Birgitt Farenski, wie es zu dem Vorfall kam, was sie seitdem verändert hat und warum sie weiterhin ihr Faxgerät nutzt.

DMB: Frau Farenski, was geschah, nachdem Sie den Fall gemeldet hatten?

Birgitt Farenski: Die Polizei war ebenso frustriert wie ich. Der Beamte sagte offen: Sie haben kaum rechtliche Möglichkeiten, auch weil der Datenschutz sehr streng ausgelegt wird und in diesem Fall den Verdächtigen schützt. Der Betrug gilt juristisch als Vergehen, nicht als Verbrechen – also keine Festnahme, keine weiterführenden Ermittlungen. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt, obwohl wir Namen, Kontoverbindungen und Hinweise hatten. Selbst der Polizist wusste zunächst nicht, dass die Akte bereits geschlossen war.

Wie konnte die Manipulation technisch passieren?

Wir haben alles prüfen lassen – bei uns gab es keinen Hack. Laut Polizei wurde die Rechnung wahrscheinlich über unseren E-Mail-Anbieter abgefangen, bevor sie den Empfänger erreichte. Die Täter mussten gar nicht in unsere Systeme eindringen, sie haben einfach das PDF abgefangen und die Kontodaten ausgetauscht.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit solche Fälle besser verfolgt werden können?

Die Gesetze müssen endlich an die steigende Gefahr der Cyberangriffe angepasst werden. Wenn Behörden einen Betrugsfall erkennen, müssen sie sofort handeln dürfen – Geldflüsse stoppen, Daten einsehen, Verdächtige festsetzen. Aktuell geht alles noch über zu viele Schreibtische, und in der Zeit verschwinden Täter und Spuren. Ich verstehe jeden Beamten, der da resigniert: Sie wollen arbeiten, dürfen aber nicht.

Welche Rolle spielen Banken dabei?

Eine zentrale. In meinem Fall lief alles über eine niederländische Bank, das Konto war im November 2024 eröffnet worden. Bei ungewöhnlichen Geldeingängen müssten Banken verpflichtet sein, automatisch zu prüfen, ob die Vorgänge plausibel sind. Solche Prüfmechanismen könnten viele Betrugsfälle verhindern.

Wie haben Sie auf den Vorfall reagiert?

Ich überlasse nichts mehr dem Zufall. Bei größeren Beträgen rufe ich Kunden an, um Kontoverbindungen zu bestätigen. Jede Überweisung wird doppelt geprüft, jede Änderung hinterfragt. Rechnungen verschicke ich nur noch direkt und sichere alles zusätzlich analog. Ich will auch dann weiterarbeiten können, wenn Systeme ausfallen. Ich hatte schlicht Glück, dass mein Kunde unsere Kontoverbindung kannte – sonst wäre der Schaden existenzbedrohend gewesen. Auf Glück sollte sich aber niemand verlassen.

Wie sehen Sie die zunehmende Digitalisierung im Geschäftsalltag?

Digitalisierung ist sinnvoll – solange sie sicher ist. Aber vieles wird eingeführt, ohne zu Ende gedacht zu sein. Wenn Systeme gehackt werden, steht sofort alles still. Es braucht immer Alternativen: Papier, Fax, manuelle Abläufe. Viele belächeln das, bis sie selbst betroffen sind. Wer keine zweite Lösung hat, ist im Notfall handlungsunfähig.

Was fordern Sie von der Politik?

Die Politik muss die Praxis kennen, nicht nur Vorstandsetagen. Man sollte diejenigen anhören, die täglich mit diesen Problemen kämpfen – Handwerksbetriebe, Buchhalter, Projektleiter. Und wir Unternehmer müssen den Druck erhöhen, damit endlich reagiert wird. Wir brauchen klare Regeln, schnelle Eingriffe und Verantwortliche, die handeln dürfen.

Zur Person

Brigitt Farenski

Birgitt Farenski ist Geschäftsführerin von FP Verpackung & Logistik aus Mülheim an der Ruhr.