08.06.2026

Energiewende

"Kunden halten sich zurück, weil Planungssicherheit fehlt"

Steigende Energiepreise, geopolitische Krisen und wirtschaftliche Unsicherheit stellen viele Industrieunternehmen vor große Herausforderungen. Wie ein mittelständischer Betrieb dennoch erfolgreich investiert, seine Energieversorgung umstellt und unabhängiger von fossilen Energieträgern wird, erläutert Klaus Faulhaber Prokurist der Adolf Gottfried Tonwerke GmbH aus dem bayerischen Großheirath.

DMB: Herr Faulhaber, wie erleben Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage?

Klaus Faulhaber: Eigentlich hatte sich ein gutes Jahr angebahnt, aber durch den Krieg im Nahen Osten ist wieder eine gewisse Unsicherheit in den Markt gekommen. Das ist Gift für unser Geschäft. Kunden halten sich zurück, weil Planungssicherheit fehlt. Diese Unsicherheit haben viele auch schon vor Kriegsbeginn gespürt, denn es ist ja schon seit längerem immer wieder von Jobabbau und einer schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung in verschiedenen Branchen zu hören. 

Wie spüren Sie konkret die Folgen des Irankriegs?

Natürlich verteuern sich auch für uns viele Dinge, insbesondere erhöhen sich die Frachtkosten. Wir bekommen mittlerweile fast täglich Schreiben von Zulieferern, die neue Aufschläge ankündigen. Diese Preissteigerungen liegen teilweise zwischen fünf und 20 Prozent. Die gesamte Industrie dürfte vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Viele Unternehmen beklagen aktuell nicht nur externe Belastungen wie unterbrochene Lieferketten, sondern auch mangelnde Verlässlichkeit und Planungssicherheit in der Energiepolitik. Teilen Sie diese Kritik?

Auf politischer Ebene erleben wir derzeit eine Art Hü-Hot-Strategie. Eine Zeit lang wurde im Rahmen der Energiewende sehr viel angeschoben, an der ein oder anderen Stelle möglicherweise sogar auch zu forsch. Jetzt erleben wir dagegen eine Vollbremsung. Für Unternehmen ist das problematisch, weil Investitionen langfristige Verlässlichkeit brauchen.

Auch der Industriestrompreis wird kontrovers diskutiert.

Grundsätzlich ist die Idee des Industriestrompreises gut. Das Problem liegt hier allerdings in der konkreten Ausgestaltung. Wir gehören als Betreiber einer Schamotte-Brennanlage zwar zur energieintensiven Industrie, unsere Tone werden bei Temperaturen zwischen 800 und 1.300 Grad Celisus zu Schamotte kalziniert, trotzdem stehen wir bzw. unsere Branche aber nicht auf der KUEBLL-Liste. Den Industriestrompreis erhalten aber nur jene Branchen, die auf der KUEBLL-Liste geführt werden. Und selbst Unternehmen, die davon profitieren, bekommen die finanzielle Entlastung erst ein Jahr später rückwirkend ausgezahlt. Bis dahin muss alles vorfinanziert werden. Außerdem ist die Antragstellung extrem kompliziert. Sie müssen alles testieren. Das kostet nicht nur Geld, sondern bindet auch Zeit und personelle Ressourcen.

Sie haben in den vergangenen Jahren stark investiert – vor allem in mehr Unabhängigkeit Ihrer Energieversorgung.

Auslöser war die Einführung des nationalen Emissionshandels vor einigen Jahren. Ursprünglich wollten wir von Kohlenstaub auf Gas umsteigen. Dann kam der Ukrainekrieg – und plötzlich war klar, dass Gas ebenfalls ein großes Risiko darstellen kann. Also mussten wir neu denken. Heute ist das Brennen unseres Tons weitgehend dekarbonisiert. Wir nutzen Holzstaub, den wir selbst aus Holzspänen mahlen, und haben dazu eigens eine spezielle Aufbereitungsanlage erstellt. Fossile Brennstoffe haben wir aus unserem Brennbetrieb nahezu komplett verbannt, sie dienen nur noch als Backup für den Notfall bzw. als Energieträger bei der Mahltrocknung.

Das Foto zeigt die Anlage zur CO2-neutralen Schamotteproduktion. Restholz wird zu Holzmehl aufbereitet und als biogener Brennstoff in den Drehrohröfen eingesetzt, wodurch die Adolf Gottfried Tonwerke GmbH jährlich rund 10.000 Tonnen CO₂ eingespart.

War das nicht ein enormes Risiko?

Natürlich. Wir sind mit der Anlage ins kalte Wasser gesprungen, denn es gab vorher keinen bekannten gleichartigen Anwendungsfall, an dem wir uns orientieren konnten. Gleichzeitig mussten wir klären, woher wir die großen Mengen an Holzspänen bekommen, die wir als Brennstoff über das gesamte Jahr benötigen.

Wie haben Sie dieses Risiko wirtschaftlich abgefedert?

Einen Teil der Mehrkosten für die fossilen Brennstoffe durch den nationalen Emissionshandel haben wir bis zur Brennstoffumstellung auf den biogenen Energieträger Holzstaub an unsere Kunden weitergegeben. Unsere Kunden haben diese Preisaufschläge glücklicherweise mitgetragen. Das war entscheidend und so haben wir uns die Last am Ende teilen können. Durch die Umstellung liegen unsere Brennstoffkosten inzwischen wieder auf dem früheren Niveau. Gleichzeitig sind wir nun unabhängiger von fossilen Energieträgern und geopolitischen Krisen.

PV-Anlage auf den Dächern der Lagerhallen der Adolf Gottfried Tonwerke.

Sie setzen auch beim Strom auf Eigenversorgung.

Richtig, wir haben bereits seit 2016 eine Photovoltaikanlage, vor kurzem kam nun eine zweite hinzu. Wenn die Sonne scheint, sind wir dadurch bei der Stromversorgung weitgehend autark. Den Überschuss an PV-Strom wollen wir zukünftig besser für eigenbetriebliche Zwecke nutzen. Deshalb beschäftigen wir uns aktuell mit dem Thema Stromspeicher. 

Wir versuchen aber auch insgesamt, unsere Energie möglichst effizient einzusetzen. Im Winter nutzen wir zum Beispiel die Abwärme unserer Brennanlage zum Heizen. Aus der Abwärme unserer Schamotte-Brennanlage erzeugen wir außerdem durch eine ORC-Anlage Strom, den wir direkt in der Schamotte-Brennanlage wieder nutzen.

Zur Person

Klaus Faulhaber

Klaus Faulhaber ist Prokurist der Adolf Gottfried Tonwerke GmbH.