21.08.2025

Energiewende

Was der Mittelstand aus der Energiekrise lernen kann

businessman holding light bulb against nature on city background

Die Energiekosten sind für viele KMU ein bedeutender Einflussfaktor für ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Steigende Energiekosten, unsichere Lieferketten, volatile Märkte – die letzten Jahre haben deutlich gemacht, wie anfällig die Energieversorgung von Unternehmen sein kann. Besonders für den Mittelstand ist das ein Warnsignal: Wer beim Energieeinkauf weiter auf Sicht fährt, riskiert nicht nur höhere Kosten, sondern auch Versorgungsrisiken. Inzwischen stehen unterschiedliche strategische Ansätze zur Verfügung, um die Energieversorgung vorausschauender zu planen.

Energie neu denken – aus der Krise lernen

Die Energiekrise war für viele Betriebe eine Zäsur. Lieferengpässe, massive Preisschwankungen und eine volatile Energiepolitik haben gezeigt, dass kurzfristiges Agieren im Einkauf keine Lösung mehr ist. Gefragt sind heute klare Ziele, flexible Beschaffungsmodelle und ein systematisches Risikomanagement.


Vor allem mittelständische Unternehmen, die keine eigene Energieabteilung haben, stehen hier vor besonderen Herausforderungen. Sie müssen lernen, mit Unsicherheiten umzugehen, ohne dabei die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.


Ein erster Schritt: Unternehmen sollten verstehen, wie die Energiewende in Deutschland wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung unterscheidet sich je nach Region erheblich – und beeinflusst, wie hoch Akzeptanz, Investitionsbereitschaft oder auch die politischen Rahmenbedingungen vor Ort sind.

Regionale Unterschiede prägen die Energiewende

Die Akzeptanz der Energiewende ist kein bundesweit einheitliches Phänomen, das zeigt eine repräsentative Studie von wattline. Demnach zeigt sich etwa in Bayern und Niedersachsen eine überdurchschnittlich positive Einstellung in der Bevölkerung gegenüber dem Ausbau erneuerbarer Energien. In anderen Bundesländern – etwa Sachsen oder Rheinland-Pfalz – bestehen deutlich stärkere Vorbehalte, insbesondere gegenüber Windkraftanlagen.

Solche regionalen Unterschiede wirken sich auch auf die wirtschaftliche Praxis aus. Förderprogramme, Akzeptanz erneuerbarer Technologien oder verfügbare Netzinfrastruktur sind keine bundesweit einheitlichen Größen. Wer seine Energiebeschaffung strategisch aufstellen will, muss diese Faktoren kennen – und einplanen.

Drei Säulen für eine krisenfeste Energieversorgung

Frühzeitig getroffene Einkaufsentscheidungen können dabei helfen, Preisvolatilität besser zu steuern. Dabei stützt sich eine zukunftsfeste Beschaffungsstrategie idealerweise auf drei zentrale Säulen:

1. Energieeinkauf bündeln und Strukturen vereinfachen
Kleinere und mittlere Unternehmen verfügen häufig nicht über ausreichende personelle oder zeitliche Ressourcen, um Energiepreise und Marktentwicklungen kontinuierlich zu beobachten oder komplexe Lieferantenverträge zu verhandeln. Eine Möglichkeit, Ressourcen zu schonen und dennoch Marktentwicklungen zu nutzen, liegt im gemeinsamen Einkauf mit anderen Unternehmen. Durch Bündelung können Prozesse standardisiert und der administrative Aufwand reduziert werden – bei gleichzeitiger Flexibilität im Beschaffungsprozess.
Wichtig ist jedoch: Nicht jede Einkaufsgemeinschaft ist automatisch vorteilhaft. Der Nutzen hängt maßgeblich von deren Struktur, Transparenz, Flexibilität und Marktanbindung ab. Unternehmen sollten daher gezielt auf folgende Kriterien achten, die eine gute Einkaufsgemeinschaft ausmachen:

  • Unabhängige Besitzverhältnisse: Die Einkaufsgemeinschaft sollte unabhängig von Energieversorgern sein. Das bedeutet, dass kein Versorger als Gesellschafter oder Eigentümer beteiligt sein sollte.
  • Vielfalt des Portfolios: Eine gute Einkaufsgemeinschaft sollte viele verschiedene Energieanbieter in ihrem Portfolio haben und diese nach klar definierten Qualitätskriterien auswählen und regelmäßig überprüfen.
  • Markterfahrung: Eine lange Markterfahrung zeugt davon, dass sich das Geschäftsmodell bewährt und langfristig Bestand hat.
  • Erfolgsabhängige Vergütung: Eine seriöse Einkaufsgemeinschaft wird nur bezahlt, wenn sie Unternehmen tatsächlich bessere Energiepreise liefert. Fixe Grundgebühren ohne Leistungsnachweis sind daher ein Warnsignal.
  • Kurze Kündigungsfristen: Unternehmen sollten nicht langfristig an die Einkaufsgemeinschaft oder gar über Dauerschuldverhältnisse gebunden werden. Kurze Kündigungsfristen sind empfehlenswert.
  • Transparenz und Vergleichsdienstleistung: Der Anbietervergleich sollte fair und ausgewogen erfolgen. Ein Vergleich, der nur den in der Regel teuren Grundversorgungstarif heranzieht, verzerrt das Ergebnis – das vermeintliche Sparpotenzial wirkt größer, als es tatsächlich ist. Daher sollte auf eine transparente Darstellung der Ausschreibungsergebnisse geachtet werden. Idealerweise wird auch der bisherige Energieversorger in den Anbietervergleich mit einbezogen.
  • Erfahrungen anderer Unternehmen: Bewertungen, Rezensionen und Referenzen anderer Unternehmen bieten wertvolle Hinweise zur Seriosität und Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft.

Ein Zusammenschluss lohnt sich vor allem dann, wenn er strategisch gelenkt ist und nicht nur auf kurzfristige Preisvorteile ausgerichtet ist, sondern auf eine langfristig angelegte Partnerschaft.
 

2. Beschaffungszeitpunkt strategisch wählen
Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend: Wer Energie zu ungünstigen Marktphasen einkauft, zahlt oft über Jahre hinweg zu viel. Durch Marktbeobachtung und gezielte Beratung können auch kleinere Betriebe den Einkauf gezielt timen – und so unnötige Mehrkosten vermeiden.
 

3. Laufzeiten und Vertragsmodelle regelmäßig prüfen
Viele Verträge verlängern sich automatisch – oft zu schlechteren Konditionen. Ein einfacher Hebel liegt daher in der regelmäßigen Prüfung und aktiven Steuerung bestehender Verträge. Wer Optionen vergleicht, flexibel bleibt und bei Bedarf den Anbieter wechselt, kann schneller auf neue Entwicklungen reagieren und bessere Konditionen sichern.
 

Asian technician checks the maintenance of the solar panels on t
Mit einer eigenen Photovoltaikanlage können KMU selbst zum Stromerzeuger werden.

Praxisbeispiel: Was Unternehmen konkret tun können

Beispiele aus der Praxis zeigen, wie strategische Energieplanung funktionieren kann. Insbesondere im Mittelstand lassen sich verschiedene Ansätze beobachten:

  • Einsatz von Eigenstromlösungen wie PV-Anlagen kombiniert mit Batteriespeichern
  • Organisation des Energieeinkaufs in Gemeinschaften, um Planungs- und Budgetsicherheit zu gewährleisten
  • Umsetzung von Effizienzmaßnahmen, etwa durch Optimierung von Lastprofilen

Zunehmend werden auch politische Entwicklungen beobachtet – etwa beim Thema Carbon-Leakage-Schutz oder der Reform der Strompreiszonen – und in die Beschaffungsstrategie integriert.

Was jetzt zählt: Vorausschau und Klarheit

Niemand kann garantieren, dass es nicht wieder zu Engpässen oder Preisexplosionen kommt. Aber wer strategisch vorgeht, bleibt auch in turbulenten Zeiten handlungsfähig. Dazu gehört auch: das eigene Risikoprofil zu kennen und Notfallpläne zu haben.


Statt weiterhin nur auf kurzfristige Einsparungen zu schielen, sollten Entscheider im Mittelstand erkennen: Energie ist längst nicht mehr nur eine Kostenstelle – sie ist ein strategischer Faktor. Ein systematischer Umgang mit Energiefragen kann dabei helfen, Risiken zu begrenzen und unternehmerische Stabilität zu fördern.

Zum Autor

Philip Gutschke

Philip Gutschke ist Bereichsleiter für Energiebeschaffung und Unternehmensentwicklung bei der wattline GmbH. Seit über 15 Jahren ist er in der Energiewirtschaft tätig – zunächst als Unternehmensberater, später bei einem Energieversorger. Seit 2011 bringt er sein Know-how bei wattline ein.