08.05.2026

Finanzen

Altersvorsorgedepot: Finanzexperte Bastian Kunkel im Gespräch zu den Chancen für Selbstständige

Die Altersvorsorge bleibt für viele Selbstständige eine der größten unternehmerischen Baustellen – geprägt von Unsicherheit, fehlender Förderung und komplexen Produkten. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot will die Politik nun neue Wege gehen und erstmals auch diese bislang oft übersehene Gruppe stärker einbinden.

»Das Altersvorsorgedepot ist ein echter Paradigmenwechsel.«

Doch was bedeutet das konkret für die Praxis? Welche Chancen bietet das neue Modell – und wo liegen weiterhin Herausforderungen? Darüber sprechen wir mit Bastian Kunkel, Gründer von „Versicherungen mit Kopf“ und einer der bekanntesten Finanzexperten für verständliche Aufklärung rund um Vorsorge und Absicherung.

DMB:Herr Kunkel, das neue Altersvorsorgedepot ist in aller Munde. Was unterscheidet dieses Modell grundlegend von bisherigen Formen der geförderten Altersvorsorge – und warum ist das gerade für Selbstständige so relevant?

Bastian Kunkel: Der entscheidende Unterschied liegt in zwei Punkten: Erstens fällt beim Altersvorsorgedepot die 100-Prozent-Beitragsgarantie weg, die bei der Riester-Rente für viel Sicherheit sorgen sollte, aber gleichzeitig die Kapitalanlage stark eingeschränkt hat. Diese Sicherheit war nicht kostenlos – sie hat Renditechancen gekostet, gerade bei langen Laufzeiten. Mit dem neuen Depot kann Kapital deutlich chancenorientierter investiert werden, zum Beispiel vollständig in ETFs, wenn das zur eigenen Risikobereitschaft passt. Das ist ein echter Paradigmenwechsel.

Zweitens – und das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten beschäftigt – sollen künftig auch Selbstständige von der staatlichen Förderung profitieren können. Riester war für viele Selbstständige schlicht nicht zugänglich. Eine große Gruppe von Menschen, die sich ihre Altersvorsorge komplett selbst organisieren muss, war damit von dieser Form der Förderung weitgehend ausgeschlossen. Das war aus meiner Sicht eine Lücke im System. Die wird jetzt zumindest teilweise geschlossen.

Lange galten Selbstständige bei der staatlichen Förderung als „vergessene Gruppe“. Warum war es Ihnen persönlich so wichtig, dass sich das ändert – und wie haben Sie konkret Druck im politischen Prozess aufgebaut?

Ich will ehrlich sein: Ich bin kein Lobbyist, ich sitze in keinem Ausschuss und ich habe keinen direkten Draht ins Bundesfinanzministerium. Was ich habe, ist Reichweite – und eine Community auf Instagram, YouTube, TikTok und LinkedIn, die täglich Fragen zur Altersvorsorge stellt. Und wenn mich Selbstständige fragen, warum sie bei staatlicher Förderung für die Rente anders behandelt werden als Angestellte, dann habe ich darauf auch keine plausible Antwort. Was ich aber tun kann: dieses Thema in die Öffentlichkeit tragen. In Videos, in Social Media Posts, in Artikeln – so oft und so laut, bis es nicht mehr ignoriert werden kann. Ob das politisch wirklich konkret etwas bewegt hat – das weiß ich nicht, auch wenn es von bestimmten Stellen so erklärt wurde. Sichtbarkeit ist eben genau das, was ich über meine Social Media Reichweite schaffen kann. 

Das neue Depot soll mehr Flexibilität und Transparenz bringen. Welche Chancen sehen Sie für Selbstständige, die ihre Altersvorsorge bislang auf eigene Faust organisiert haben?

Die größte Chance ist schlicht der Einstieg. Viele Selbstständige haben bisher entweder gar nichts gemacht – weil das System sie nicht wirklich abgeholt hat – oder sie haben alles selbst in ETFs gesteckt, ohne jede staatliche Förderung. Jetzt gibt es dafür einen geförderten Rahmen: 50 Cent vom Staat für jeden eingezahlten Euro bis 360 Euro im Jahr, danach 25 Cent bis zur Fördergrenze von 1.800 Euro. Das ist keine Revolution, aber es ist ein wichtiger Zusatzbaustein für die Altersvorsorge, den nun auch Selbstständige nutzen können.

Viele Selbstständige stehen der Altersvorsorge skeptisch gegenüber – Stichwort Bürokratie und Intransparenz. Was muss passieren, damit das neue Modell wirklich angenommen wird und Vertrauen entsteht?

Drei Dinge. Erstens: Einfachheit. Das klingt banal, ist es aber nicht. Riester hatte genau hier eines seiner größten Probleme: Viele Menschen haben nicht verstanden, wie viel sie einzahlen müssen, um die volle Zulage zu bekommen. Das neue Modell muss wirklich so einfach sein wie versprochen – Förderung proportional zum Beitrag, keine Rechenakrobatik.

Zweitens: günstige Produkte. Der geplante Effektivkostendeckel von maximal einem Prozent im Standarddepot ist ein gutes Signal. Aber die Anbieter müssen ihn auch ernst nehmen. Wer glaubt, er kann alte Kostenstrukturen einfach in ein neues Produktkleid packen, wird es schwer haben.

Drittens: Aufklärung. Und dafür sehe ich uns als Versicherungsmakler und als Finanzbildner in der Pflicht. Das Depot soll ab 2027 kommen – bis dahin müssen wir erklären, was es ist, was es kann und was es es aber auch nicht kann - z.B. wird es als alleinige Lösung nicht die große Rentenlücke von Selbstständigen füllen. Vertrauen entsteht nicht durch Gesetze. Es entsteht durch Verstehen.

Sie haben Ihre große Community und Reichweite in den sozialen Medien bereits angesprochen. Wie erleben Sie dort die Reaktionen auf das Altersvorsorgedepot? Geht da bereits ein Ruck durch die Selbstständigen-Szene?

Die Neugier ist da, das spüre ich deutlich. Sobald ich das Thema aufgreife, kommen Kommentare und Nachrichten – vor allem von Selbstständigen und Freiberuflern, die natürlich wissen wollen: „Gilt das künftig auch für mich?“

Gleichzeitig ist die Stimmung nicht komplett euphorisch, sondern eher abwartend. Und das ist auch richtig so. Denn so spannend die Reform klingt: Zwar sind zentrale Eckpunkte bekannt, aber noch stehen längst nicht alle praktischen Details fest. Welche Anbieter bringen welche Produkte? Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten? Wie unkompliziert wird der Zugang wirklich? Wie genau sieht die Versteuerung in der Auszahlungsphase aus? Und wie wird das Altersvorsorgedepot am Ende in der Beratungspraxis funktionieren?

Genau deshalb sollte man jetzt weder in Jubel ausbrechen noch das Thema vorschnell abhaken. Die Richtung stimmt – aber ob daraus wirklich ein gutes, verständliches und sinnvolles Vorsorgeinstrument wird, entscheidet sich erst in der Umsetzung.

Abschließend gefragt: Wenn Sie einem selbstständigen Unternehmer einen einzigen Rat zur Altersvorsorge mit auf den Weg geben dürften – welcher wäre das?

Fang an. Heute. Nicht wenn das Projekt abgeschlossen ist, nicht wenn der nächste Auftrag gesichert ist, nicht wenn du mehr Klarheit über deine Finanzen hast. Jetzt.

Weil der größte Fehler in der Altersvorsorge nicht der falsche Fonds ist oder der falsche Anbieter. Der größte Fehler ist der verlorene Zeit-Vorteil. Jedes Jahr, das du wartest, kostet dich am Ende mehr als jede suboptimale Produktentscheidung. Und wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst: Lass dich beraten. Von jemandem, der verschiedene Lösungen kennt und nicht an ein einziges Produkt gebunden ist. Altersvorsorge ist kein Selbststudium-Thema – das ist ein Thema, das Begleitung verdient. 
 

Zur Person

Bastian Kunkel

Bastian Kunkel ist Gründer und Geschäftsführer der VMK Versicherungsmakler GmbH sowie Autor des Buches „Total verunsichert“. Die Markenplattform „Versicherungen mit Kopf“ gehört zur VMK Versicherungsmakler GmbH. Das Unternehmen berät Privatkunden unabhängig von einzelnen Versicherungsanbietern und setzt dabei auf digitale Prozesse. Ziel ist es, Versicherungen nachvollziehbar und transparent zu vermitteln.