01.06.2026
„Bürokratie kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld”
Tim Geisendörfer ist Geschäftsführer von InnoGE und entwickelt Softwarelösungen in den Bereichen CRM, ERP, Portal-, E-Commerce- und SaaS.
Investitionen in die Digitalisierung sind kein Nice-to-have, sondern ein zentraler Hebel für Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit. DMB-Mitglied Tim Geisendörfer von der Software-Agentur InnoGE warnt im Interview vor Investitionszurückhaltung. Gleichzeitig verweist er auf überbordende Bürokratie und unsichere Rahmenbedingungen, die gerade kleine Unternehmen ausbremsen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der Mittelstand zwischen Kostenrisiken und Innovationsdruck bestehen kann.
DMB: Herr Geisendörfer, was macht InnoGE, und worin liegen aktuell die größten Risiken für Ihr Unternehmen?
Tim Geisendörfer: InnoGE entwickelt seit 2022 maßgeschneiderte Softwarelösungen für Unternehmen. Was uns besonders macht: Wir arbeiten zu 100 Prozent remote und bewusst mit kleinen Teams aus erfahrenen Entwicklern, weil viele große IT-Projekte an Zeit und Kosten scheitern. Die größten Risiken sehen wir derzeit vor allem im wirtschaftlichen Umfeld: Viele Unternehmen agieren bei Investitionen sehr vorsichtig, verschieben Entscheidungen oder stellen Projekte zurück. Das belastet die gesamte Nachfrage und macht die Planung schwieriger.
Woran liegt das?
Vor allem an der unsicheren konjunkturellen Lage. Viele Unternehmen blicken derzeit zurückhaltender auf neue Ausgaben, weil sie Kosten, Nachfrage und eigene Liquidität enger im Blick behalten. Gerade bei Digitalprojekten wird dann schnell geprüft, verschoben oder ganz gestoppt — auch wenn der Bedarf eigentlich da ist.
Welche Folgen drohen, wenn Unternehmen Investitionen in die Digitalisierung verschleppen?
Genau dieses Dilemma sehen wir jeden Tag: Wer nicht investiert, verliert mittel- bis langfristig an Wettbewerbsfähigkeit. Wer investiert, bindet Kapital und geht kurzfristig ein finanzielles Risiko ein. Diese Abwägung lähmt viele Entscheidungen.
Welche Risiken sehen Sie darüber hinaus für Ihre Agentur?
Vor allem die Scheinselbstständigkeit ist für uns ein großes Problem. Wir arbeiten projektbezogen und brauchen dafür flexible Expertise. Durch die unsichere Rechtslage ist die Zusammenarbeit mit Freelancern in Deutschland aber hochriskant geworden. Das macht Projekte teurer und unflexibel.
Wie gehen Sie damit um?
Wir arbeiten deshalb auch mit Freelancern aus dem Ausland, etwa aus den Niederlanden. Das hilft uns, Projekte flexibel zu besetzen und fachliche Expertise branchenbezogen dort einzukaufen, wo sie gebraucht wird. Gleichzeitig zeigt es aber auch, wie stark uns die unsichere Rechtslage in Deutschland ausbremst.
Wie wirkt sich die Bürokratie auf Ihre Kunden aus?
Bei vielen Kunden erleben wir, dass Datenschutz und Compliance enorme Ressourcen binden. Es geht dann um Verzeichnisse, Einwilligungen, Verträge und Abstimmungen, die viel Zeit und Geld kosten. Oft entsteht dabei wenig praktischer Mehrwert, aber ein hoher Aufwand. Das verzögert digitale Vorhaben und belastet die Ertragslage.
Ist Bürokratie für Sie also auch ein Kostenrisiko?
Absolut. Bürokratie kostet nicht nur Zeit, sondern direkt Geld. Jeder zusätzliche Abstimmungsprozess, jede rechtliche Unsicherheit und jede Verzögerung schlägt auf die Marge durch. Gerade kleine Unternehmen haben dafür kaum Puffer.
Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht ändern?
Wir brauchen klare und praxistaugliche Regeln für die Zusammenarbeit mit Freelancern. Unternehmen müssen flexibel arbeiten können, ohne ständig Rechtsrisiken fürchten zu müssen. Außerdem braucht es weniger Bürokratie bei Datenschutz und schnellere Genehmigungen für digitale Infrastruktur. Nur so schaffen wir Investitionssicherheit.
Was wäre aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft an den Mittelstand?
Gerade in unsicheren Zeiten sollten Unternehmen Investitionen in die Digitalisierung nicht aufschieben, weil digitale Prozesse helfen können, Kosten zu senken, Abläufe zu beschleunigen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Der Mittelstand darf sich dabei nicht von Bürokratie, Kostenrisiken und kurzfristigem Druck lähmen lassen. Entscheidend ist, die Digitalisierung als strategische Investition zu begreifen — nicht als verzichtbaren Post.
Neben Investitionszurückhaltung und überbordender Bürokratie, verändern auch neue Technologien den Markt. Welche Bedeutung hat das Thema KI für Ihre Branche?
KI ist für uns kein Bedrohungsszenario - es ist unser Vorteil. Wir setzen KI seit Beginn gezielt im Entwicklungsprozess ein: für automatisierte Tests, Code-Reviews und schnellere Entwicklungszyklen. Das senkt Kosten für unsere Kunden und erhöht die Qualität. Gleichzeitig sehen wir, dass viele neue Anbieter mit KI-Buzzwords werben, aber ohne Erfahrung und Qualitätssicherung liefern.Was bedeutet das für Ihre tägliche Arbeit?
Wir müssen deutlich stärker prüfen und Qualität absichern. KI kann vieles beschleunigen — aber sie ersetzt keine Erfahrung. Wer das vergisst, zahlt später drauf.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Geisendörfer!



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