28.01.2026
"Deutschland mangelt es an einem liquiden und dynamischen Kapitalmarkt"

Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der TU München
Mit den Standortfördergesetz will die Bundesregierung Börsengänge für KMU vereinfachen. Doch große Veränderungen sind laut Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der TU München, nicht zu erwarten. Im Interview erklärt Kaserer, was dem deutschen Kapitalmarkt noch fehlt, und wann sich auch für Mittelständler der Börsengang lohnt.
DMB: Herr Prof. Kaserer, was ändert das Standortfördergesetz konkret für KMU-Börsengänge? Wird es für kleinere Unternehmen mit einem Umsatz von unter 100 Millionen Euro attraktiver, an die Börse zu gehen? Oder bleiben Hürden bestehen?
Christoph Kaserer: Ich denke, dass die Vereinfachungen, die bei der Prospekterstellung vorgesehen sind, den Börsengang etwas einfacher und damit auch kostengünstiger machen werden. Eine große Veränderung erwarte ich damit allerdings nicht, zumal die Kosten eines Börsengangs vor allem in der Umsetzung der Transparenz- und Compliancevorschriften bestehen.
Welche politischen Entscheidungen müssen also getroffen werden? Wie könnte der Mittelstand mehr von Kapitalmärkten profitieren?
Wir müssen verstehen, dass es Deutschland an einem liquiden und dynamischen Kapitalmarkt mangelt. Das hat etwas mit unserem Altersvorsorgesystem zu tun, das leider zu stark auf ein Umlageverfahren ausgerichtet ist. Damit kommt ein erheblicher Teil der individuellen Ersparnisse gar nie an den Kapitalmarkt. So lange wir das nicht ändern, werden wir weiterhin zu wenige IPOs und damit zu wenige börsennotierte Unternehmen haben. Und damit auch zu wenige KMUs, die die Chance eines Börsengangs nutzen werden.
Unabhängig vom Standortfördergesetz: Welche Chancen bietet ein Börsengang oder Kapitalmarktzugang für mittelständische Unternehmen?
Ein Börsengang eröffnet die Möglichkeit eines langfristigen und flexiblen Zugangs zu Eigenkapital. Damit kann die Abhängigkeit von Banken reduziert werden und Wachstumschancen können leichter genutzt werden. Zudem eröffnen sich neue Optionen zur Lösung eventueller Nachfolgeprobleme. Denn zum einen erleichtert ein Börsengang die Suche nach externen Managern. Und zum anderen kann er auch für einen langfristig angelegten (Teil-)Ausstieg aus dem Unternehmen genutzt werden.
Welche Risiken sehen Sie?
Ein Börsengang erfordert insoweit ein Umdenken, als es eine transparente und glaubwürdige Kommunikation mit dem Kapitalmarkt braucht. Dies erfordert gerade bei Familienunternehmen häufig ein Umdenken. Dazu muss man bereit sein, denn ansonsten kann man die Potentiale eines Börsengangs nicht wirklich nutzen. Zudem müssen viele interne Prozesse angepasst oder neu implementiert werden, um alle Compliance- und Transparenzvorschriften zu erfüllen.
Im Vergleich zu US-Unternehmen: Warum sind deutsche KMU weniger kapitalmarktorientiert?
Häufig wird argumentiert, dass KMUs hierzulande dazu nicht bereit wären, weil sie die Transparenzanforderungen, die ein Börsengang mit sich bringt, scheuen. Ich denke, das ist nur die halbe Wahrheit. Häufig hat es auch mit der fehlenden Größe der Unternehmen, aber auch mit der fehlenden Aufnahmebereitschaft am Kapitalmarkt zu tun.
Ab welcher Unternehmensgröße macht ein Börsengang Sinn für Mittelständler?
Hier gibt es keine allgemeine Regel, zumal es ja auch Marktsegmente gibt, die sogenannten EU Growth Markets, die sich spezifisch an KMUs orientieren. Nach meiner Einschätzung sollten Unternehmen einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich haben, bevor sie ernsthaft über einen Börsengang nachdenken. Denn je kleiner das Emissionsvolumen, umso höher die Emissionskosten (die dann schnell über zehn Prozent der Erlöse ausmachen können).
In welchen Fällen lohnt sich der Börsengang besonders? Bei Nachfolge, Expansion oder nur für Scale-ups?
Es kann viele verschiedene Motive für einen Börsengang geben, insoweit sind alle drei genannten Motive valide.
Gibt es Branchen, etwa Maschinenbau, für die ein Börsengang eher sinnvoll ist als für andere?
Grundsätzlich nicht, wenngleich man sagen muss, dass es auch an der Börse Moden gibt, also Phasen, in denen bestimmte Branchen deutlich besser bewertet werden. Wir hatten zum Beispiel vor einiger Zeit eine Phase, bei der vor allem Unternehmen aus dem Clean-Tech-Bereich bevorzugt wurden. Aktuell würde ich sagen, dass die Börse ein großes Augenmerk auf Unternehmen aus der Rüstungsindustrie legt. Aber grundsätzlich sollte man nicht allzu sehr darauf achten, denn entscheidend ist vor allem, dass das Unternehmen eine überzeugende Equity Story hat. Und die kann es bei entsprechender Innovationskraft und Gewinnpotentialen in allen Branchen geben.
Ein Börsengang bedeutet auch immer zusätzliche Bürokratie. Welche zusätzlichen Berichtspflichten, etwa Quartalszahlen oder die CSRD, kommen mit einer Börsennotierung hinzu? Lohnt es sich trotz Bürokratie?
Es gibt zahlreiche Transparenz- und Compliancevorschriften, die man als börsennotiertes Unternehmen einhalten muss. Die Aufzählung wäre hier zu lang. Den größten Aufwand erfordert meistens die Umstellung der Rechnungslegung auf IFRS. Die Kosten für die Implementierung dieser Systeme sind erheblich und kommen zu den eigentlichen Kosten für den Börsengang hinzu. Daher sollte man vorab darüber nachdenken, welche konkreten Vorteile der Börsengang dem Unternehmen bringt, so dass man Vor- und Nachteile rational abwägen kann.

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