11.06.2026
„Es war an der Zeit, dass die EZB den Notenbankzins erhöht. “ – Finanzprofessor Volker Wieland

Die EZB tritt auf die geldpolitische Bremse, während die deutsche Wirtschaft nur schleppend vorankommt. Wie sinnvoll ist der Zinsschritt und welche Folgen sind für mittelständische Unternehmen zu erwarten? Darüber spricht Prof. Dr. Volker Wieland, Stiftungsprofessor am Institut IMFS und ehemaliger Wirtschaftsweise, im exklusiven DMB-Interview.
DMB: Die EZB hat den Einlagensatz von 2,00 auf 2,25 Prozent angehoben – die erste Zinserhöhung seit über einem Jahr. Hintergrund sind gestiegene Inflationsrisiken infolge des Ölpreisanstiegs nach dem Iran-Krieg. Wie bewerten Sie diesen Zinsschritt der EZB?
Prof. Wieland: Es war an der Zeit, dass die EZB den Notenbankzins erhöht. Zuletzt hat sie den für den Geldmarkt relevanten Zins, das ist der Einlagesatz, den sie auf Einlagen der Banken bei der Notenbank zahlt, im Juni 2025 auf 2 Prozent gesenkt. Seither ist die Inflation gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) von 2 Prozent auf 3,2 Prozent gestiegen. Das liegt vor allem am Anstieg der Energiepreise infolge des Kriegs mit dem Iran und der Sperrung der Straße von Hormus. Aber inzwischen ist auch schon die Kernrate, also die Inflation ohne Energiepreise und unverarbeitete Lebensmittel wieder etwas angestiegen, auf 2,3 Prozent. Das wird sich in nächster Zeit fortsetzen, denn die Energiepreise sind weiterhin hoch und Unternehmen, die andere Güter und Dienstleistungen produzieren, werden diese Kostensteigerungen nach und nach an die Kunden weitergeben. Außerdem hatte die EZB bei der letzten Zinssenkung im Juni 2025 noch erwartet, dass die Kernrate gegen Ende des Jahres unter ihr Ziel von 2 Prozent sinken würde. Der Fall ist nie eingetreten. Sie hinkt somit mit der Zinspolitik etwas hinterher. Die reale Verzinsung ist schon länger negativ. Das ist meines Erachtens zu niedrig.
Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Finanzierungskosten mittelständischer Unternehmen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten?
Die Zinserhöhung dürfte zunächst nur wenig Auswirkungen darauf haben. An den Märkten sind schon seit Beginn des Iran-Kriegs zwei bis drei Zinserhöhungen für dieses Jahr eingepreist. Das dürfte sich also bereits in den 6 bis 12 Monatskreditzinsen widerspiegeln. Die Finanzierungskosten könnten weiter steigen, falls nun noch mit mehr zukünftigen Erhöhungen gerechnet wird.
Wie stark erwarten Sie einen Konjunkturabriss durch die EZB-Zinserhöhung? Könnte dies die bereits schwache deutsche Wirtschaft zusätzlich belasten?
Der Anstieg der Energiepreise ist ein negativer Angebotsschock. Das erhöht Kosten und wirkt sich negativ auf die Produktion in Deutschland aus. Wenn die Geldpolitik den Leitzins konstant hält und die Inflation steigt, dann sinkt die reale Verzinsung. Dann werden Kredite günstiger, sparen weniger attraktiv. Demnach wird die Nachfrage gestützt, und wenn die Nachfrage das Angebot überschreitet, ist es für Unternehmen leichter Kostensteigerungen and die Kunden weiterzugeben. Das führt dann zu mehr Inflation. Deshalb musste die EZB einschreiten.
Im Hinblick auf mögliche Strukturreformen: Welche politischen Maßnahmen würden Sie empfehlen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu steigern?
Deregulieren, deregulieren, deregulieren: IT, KI, Datenschutz, Bauen, Gentechnik, Umweltschutz, Arbeitsrecht, Klimaschutz, Nukleartechnik etc. Deutschland ist überreguliert. Teils aus eigenem Verschulden, teils durch die EU oder Gold-Plating von EU-Regulierung. Wir brauchen mehr Flexibilität, Innovation und Veränderung, um Wachstum und Wohlstand zu sichern. Natürlich müssen auch die Kosten fallen, also Steuern und Abgaben, was nur geht, wenn das Wachstum der Staatsausgaben begrenzt wird.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Wieland!



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