19.05.2026
„Standardprodukte werden irgendwann kopiert“

Clas Kopf, kaufmännischer Leiter von Widopan
Viele Hidden Champions werden zwischen der Billig-Konkurrenz aus China und europäischer Regulierung aufgerieben. Wie wirkt sich das konkret auf den Mittelstand aus? DMB-Mitglied Clas Kopf, kaufmännischer Leiter des niedersächsischen Kunststoffherstellers Widopan, über Preisdruck, Bürokratie und politische Erwartungen.
DMB: Herr Kopf, Widopan produziert hochspezialisierte Kunststoffe für das Baugewerbe. Man findet Ihre Produkte in Abdichtungen auf Dächern, Balkonen oder Parkdecks. Doch längst haben diesen Sektor auch chinesische Hersteller für sich entdeckt. Wie stark spüren Sie den Konkurrenzdruck aus China?
Clas Kopf: Er ist da, keine Frage. Im professionellen Bereich der Bauwerksabdichtung noch nicht flächendeckend, aber im Hintergrund deutlich spürbar. Vor allem über den Onlinehandel kommen Produkte in den Markt, die extrem billig sind. Da hören wir dann schon: „Das bekomme ich aus China für die Hälfte.“
Wie reagieren Sie, wenn Kunden nur auf den Preis schauen?
Dann passen wir oft nicht zusammen. Wir stellen geprüfte Systeme her. Das kostet Geld – in der Entwicklung, in den Prüfverfahren, in der Qualitätssicherung. Zusätzlich bieten wir begleitende Schulungen an, damit Kunden unsere Produkte bestmöglich einsetzen können. Wenn jemand ausschließlich eine möglichst billige Lösung sucht, können wir das nicht bedienen. In aller Regel setzt das Baugewerbe aber auf Qualitätsprodukte wie wir sie liefern.
Warum wird die Billig-Konkurrenz im Profibereich noch nicht so stark nachgefragt?
Weil dort klare Anforderungen gelten. Wenn in Deutschland ein Dach abgedichtet wird, müssen Produkte bestimmte Normen erfüllen, etwa DIN- oder europäische Vorgaben. Diese Prüfungen dauern lange und sind relativ teuer. Das schreckt viele ab. Wer die Prüfungen nicht durchläuft, kann im klassischen Fachbereich eigentlich nicht mitspielen.

Führen die Prüfnormen also dazu, dass außereuropäische Firmen gar nicht erst hierzulande Fuß fassen?
Ja und nein. Einerseits schützten sie europäische Hersteller, weil sie Qualität belohnen und rechtliche Haftung ermöglichen. Ein Dachdecker muss für seine Arbeit geradestehen. Er wird deshalb keine ungeprüften Stoffe verbauen. Anderseits führen die EU-weiten Prüfnormen dazu, dass hiesige Produzenten ihre Produkte vergleichsweise hochpreisig anbieten müssen. Der Preisdruck bleibt also. Und ich bin überzeugt: Früher oder später werden Billig-Anbieter versuchen, auch diese Hürden zu nehmen – etwa über europäische Zwischenhändler, die Prüfungen nachholen.
Neben dem internationalen Wettbewerb klagen viele Mittelständler über strenge EU-Regeln. Zu Recht?
Die Ziele sind häufig richtig. Umwelt- und Gesundheitsschutz sind wichtig, keine Frage. Aber die Umsetzung ist für kleinere Unternehmen anspruchsvoll. Nehmen Sie die Bauprodukteverordnung: Einheitliche Standards im europäischen Binnenmarkt sind sinnvoll. Doch jede Anpassung bedeutet neue Dokumentation, neue Kennzeichnung, teilweise neue Prüfungen. Das ist mit erheblichem Aufwand verbunden.
Kommt dadurch ein Wettbewerbsnachteil zustande?
Zumindest ein Kostenfaktor. Wenn wir hohe Standards einhalten müssen – was ich grundsätzlich befürworte –, dann verteuert das unsere Produkte. Problematisch wird es, wenn gleichzeitig Produkte aus Drittstaaten mit geringeren Auflagen in den Markt gelangen. Dann entsteht ein Ungleichgewicht.
Ist beispielsweise die europäische Chemikalienverordnung “REACH” ein Hemmnis für Hersteller wie Sie?
Die begleitet uns permanent. Durch REACH können Stoffe auf sogenannte Kandidatenlisten der Europäische Chemikalienagentur gesetzt werden, und stehen sie dort drauf, dürfen wir sie nicht mehr verwenden. Wenn ein Rohstoff betroffen ist, müssen wir Ersatz finden. Das klingt einfacher, als es ist. Technisch ist das komplex, und Alternativen sind nicht immer sofort verfügbar. Zudem kann eine geänderte Rezeptur neue Prüfungen erforderlich machen. Für ein mittelständisches Unternehmen ist das eine enorme Herausforderung. Besonders ärgerlich ist es, wenn zum Beispiel südeuropäische Länder Stoffe verbieten lassen, die in ihren Heimatmärkten überhaupt nicht verbaut werden.

Das bedeutet Unsicherheit in der Planung.
Ja, absolut. Man weiß nie genau, welcher Stoff als Nächstes betroffen sein könnte. Diese Unsicherheit erschwert Investitionsentscheidungen.
Wie groß ist die bürokratische Belastung insgesamt?
Sie ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen. Wir haben es mit Gefahrstoffvorgaben, Immissionsschutz, Gewässerschutz und zunehmend mit Nachhaltigkeitsberichten zu tun. Jede einzelne Regel hat ihre Berechtigung, aber in der Summe bindet das viele Ressourcen. Die Intention ist nachvollziehbar, aber die Geschwindigkeit und Komplexität sind für kleine und mittlere Unternehmen schwer zu stemmen.
Können Sie das konkretisieren?
Ein Beispiel ist die CO₂-Berichterstattung. Wenn wir für ein Produkt eine Umweltdeklaration erstellen sollen, brauchen wir Daten von unseren Vorlieferanten. Diese liegen oft nicht vollständig vor. Dann wird im Zweifel der ungünstigste Wert angesetzt. Für große Konzerne ist das handhabbar, die bauen eigene Abteilungen dafür auf. Wir müssen das neben dem Tagesgeschäft leisten.
Wie bewerten Sie die Arbeit der aktuellen Bundesregierung in diesem Zusammenhang?
Ich habe den Eindruck, dass erkannt wurde, wie eng es für viele Unternehmen geworden ist. Einige Regelungen wurden abgeschwächt oder zeitlich gestreckt. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Aber reicht das aus?
Es ist ein Anfang. Wichtig wäre, dass nicht ständig neue Anforderungen noch obendrauf kommen. Wir brauchen Planungssicherheit und realistische Fristen. Wenn Standards gelten, dann bitte für alle Marktteilnehmer gleichermaßen – auch für solche, die außerhalb von Europa sitzen.
Was wünschen Sie sich konkret von der Politik?
Weniger zusätzliche Regulierung und mehr Verlässlichkeit. Mittelständler leben von Innovation und Flexibilität. Wenn wir unsere Energie vor allem in Dokumentation und Berichte stecken müssen, fehlt sie an anderer Stelle.
Trotz all dieser Herausforderungen – sind Sie optimistisch?
Ja. Der deutsche Mittelstand hat immer von Innovationskraft und Spezialisierung gelebt. Standardprodukte werden irgendwann kopiert. Wer sich mit Know-how, Service und Qualität positioniert, hat weiterhin Chancen. Aber klar ist auch: Wir müssen innovativer sein – und dürfen dabei nicht ständig mit immer neuen Auflagen kämpfen. Wenn dieser Spagat gelingt, bin ich zuversichtlich.


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