08.06.2026

Finanzen

„Wer Innovation will, darf sie nicht mit Bürokratie ersticken“

Dr. Hubert Keller ist Geschäftsführer von ci-tec und entwickelt spezialisierte KI- und Analysewerkzeuge für industrielle Prozesse.

Lähmende Bürokratie und hohe Energiekosten zählen zu den zentralen Geschäftsrisiken für den Mittelstand. Das zeigt auch der aktuelle DMB-Risikoreport. Wie konkret diese Faktoren Innovationen ausbremsen, erläutert Dr. Hubert Keller von ci-tec im Interview. Er macht deutlich, warum industrielle KI und Energieeffizienz über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden – und wo die Politik dringend gegensteuern muss.

DMB: Herr Dr. Keller, was macht ci-tec, und worin liegen aktuell die größten Risiken für Ihr Unternehmen?

Dr. Hubert Keller: ci-tec entwickelt seit vielen Jahren spezialisierte KI- und Analysewerkzeuge für industrielle Prozesse. Wir optimieren damit unter anderem Energieeinsatz, Emissionen, Standzeiten und Produktqualität. Die größten Risiken liegen aus meiner Sicht weniger in der Technologie selbst, sondern in den Rahmenbedingungen: zu wenig Verständnis für innovative F&E in Wirtschaft sowie Politik und zu viel Bürokratie bei der Umsetzung energieeffizienter Lösungen durch die Behörden.


Welche Rolle spielt Bürokratie in Ihrem Alltag?

Eine sehr große. Gerade bei Hochtechnologieunternehmen wie unserem ist Bürokratie ein echter Produktivitätsfaktor bzw. -hemmschuh. Wir sehen das etwa bei Ausfuhrgenehmigungen, bei der Wiedereinfuhr für Rekalibrierung von Geräten oder bei Förderverfahren, die unnötig kompliziert sind. Das kostet immens Zeit, bindet Ressourcen und bremst Innovationen aus.


Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Nehmen Sie unsere Infrarotsysteme: Wenn ein Gerät beispielsweise aus dem Ausland zur Rekalibrierung zurückkommt und anschließend wieder an denselben Kunden geht, läuft trotzdem jedes Mal ein aufwendiges Genehmigungsprozedere. Das ist aus praktischer Sicht kaum nachvollziehbar. Solche Abläufe erzeugen großen Aufwand und zeitliche Verzögerungen.


Welche Risiken sehen Sie darüber hinaus aktuell am stärksten?

Wir sehen drei Ebenen. Erstens werden bei öffentlichen Ausschreibungen häufig Projekte bevorzugt, bei denen vor allem der Preis zählt und nicht die fachliche Qualität oder der tatsächliche Nutzen. Zweitens werden bei Fördermitteln nicht immer die Vorhaben unterstützt, die für industrielle Anwendungen den größten Hebel hätten. Drittens müssen auch Unternehmen selbst ihre Investitionen in Optimierung und Effizienz viel konsequenter planen, weil solche Projekte zwar Geld kosten, aber langfristig Wettbewerbsfähigkeit sichern.


Warum ist das gerade für mittelständische Unternehmen gefährlich?

Weil der Mittelstand solche Investitionen nicht beliebig verschieben kann. Wer in Energieeffizienz, Prozessverbesserung oder technische Innovation investiert, schafft sich Zukunftsfähigkeit. Wenn Unternehmen diese Entscheidungen aus Unsicherheit zu lange aufschieben, verlieren sie an Tempo und am Ende an Wettbewerbsfähigkeit.


Welche Bedeutung hat das Thema Energieeffizienz in Ihrer Arbeit?

Eine zentrale. Unsere Systeme helfen produzierenden Unternehmen, Prozesse so zu steuern, dass sie Energie sparen, Emissionen senken, die Effizienz steigern und die Produktqualität sichern. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich notwendig. Gerade in Deutschland müssen wir industrielle Verfahrenstechniken stärker in den Fokus rücken, weil in ihnen enormes Potenzial liegt.


Wo sehen Sie die größten politischen Versäumnisse?

Bei mir entsteht zunehmend der Eindruck, dass wir uns als Gesellschaft bei der KI zu sehr auf Hypes wie Large Language Models konzentrieren. Dabei sollte die Politik industrielle Wertschöpfung nicht aus dem Auge verlieren und vermehrt fördern. Wir brauchen mehr Fokus auf innovative Technologien, die in der industriellen Produktion etwas verbessern.


Was müsste sich konkret ändern?

Förderstrukturen sollten übersichtlicher und praxisnäher werden. Es braucht weniger Kleinteiligkeit, mehr Kompetenz und mehr Mut, innovative industrielle Projekte langfristig zu unterstützen. Außerdem muss die Politik verstehen, dass Energieeffizienz und Prozessoptimierung keine Nebenthemen sind, sondern zentrale Zukunftsfragen für die deutsche Industrie.


Was wäre Ihre wichtigste Botschaft an Politik und Mittelstand?

Wer Innovation will, darf sie nicht mit Bürokratie ersticken. Der Mittelstand braucht Raum für Forschung und Entwicklung, verlässliche Förderlogik und Rahmenbedingungen, die industrielle Effizienz wirklich nachhaltig ermöglichen. Nur dann bleiben Unternehmen technologisch stark und international wettbewerbsfähig.


Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Keller!

So arbeitet ci-tec in der Prozessüberwachung