08.06.2026

Nachfolge

„Zeit ist der wichtigste Faktor beim Wissenstransfer“

André von Bargen ist CEO von WIKO TECHNIK und entwickelt hochspezialisierte Eingabesysteme.

Der DMB-Risikoreport zeigt: Die Abhängigkeit von einzelnen Personen gehört zu den größten unternehmerischen Risiken im Mittelstand. Gerade bei der Unternehmensnachfolge drohen Wissensverlust, Unsicherheit und strategische Lücken. André von Bargen (WIKO TECHNIK) befindet sich aktuell selbst in einer Nachfolgesituation und erläutert im Interview aus Sicht des Übernehmenden, wie frühzeitige Planung, strukturierter Wissenstransfer und klare Führungsstrukturen dieses Risiko beherrschbar machen – und warum gute Unternehmensführung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird.

Mitten im Nachfolgeprozess: Geschäftsführer André von Bargen mit seinem Vater Michael Brüchert (Inhaber)

DMB: Der Risikoreport verdeutlicht, wie kritisch die Abhängigkeit von einzelnen Personen – insbesondere vom Inhaber – ist. Wie ist deine Sicht darauf? Und was kann man konkret dagegen tun?

André von Bargen: In vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) werden die Inhaber in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen – wir befinden uns in einer umfassenden Übergabephase. Inhabergeführte KMU sind oft sehr effizient organisiert, wodurch zwangsläufig eine starke Abhängigkeit von einzelnen Personen entsteht. Umso wichtiger ist es, den Nachfolgeprozess frühzeitig zu planen und eine ausreichende Übergangsphase einzuplanen, damit notwendige Umstrukturierungen und ein funktionierender Wissenstransfer gewährleistet werden können.

Viele Unternehmen sehen in einer fehlenden Nachfolgelösung ein großes Risiko. Du übernimmst WIKO TECHNIK von deinem Vater – wie verlief bei euch die Planung?

Wir haben bereits zwei Jahre vor meinem Einstieg einen klaren Zeitplan für die Nachfolge vereinbart. Das hat den Übergang für alle Beteiligten planbar gemacht und insbesondere den Mitarbeitenden Stabilität und Sicherheit vermittelt. Gleichzeitig schafft eine klare Nachfolgeregelung Vertrauen bei externen Partnern, Kunden und Lieferanten – gerade dann, wenn der bisherige Inhaber bereits in seinen Sechzigern ist. So konnten wir Investitionen und strategische Entscheidungen mit langfristiger Perspektive treffen und wurden intern wie extern als verlässlicher, generationenübergreifender Partner wahrgenommen.

Das Hamburger Unternehmen WIKO-Technik entwickelt und produziert Eingabesysteme wie Folientastaturen und Touchsysteme vor allem für die Medizintechnik, Luftfahrt oder Schifffahrt – seit Jahrzehnten „Made in Germany“.

Wissenstransfer ist oft der Knackpunkt beim Generationswechsel. Wie gelingt euch eine strukturierte Übergabe?

Zeit ist der wichtigste Faktor beim Wissenstransfer. Ein strukturierter Einarbeitungsplan ist wichtig, entscheidend ist jedoch die gemeinsame Arbeit im Tagesgeschäft und an konkreten Projekten. Erfahrungswissen lässt sich nur begrenzt dokumentieren – es entsteht, indem man Schritt für Schritt in das Unternehmen hineinwächst und ein Verständnis für Kunden, Lieferanten und Mitarbeitende entwickelt. Der enge Austausch mit meinem Vater und langjährigen Mitarbeitenden hilft dabei, dieses Wissen nicht nur zu sichern, sondern auch weiterzuentwickeln und um neue Perspektiven zu ergänzen.
 

Wo siehst du aktuell die größten bürokratischen Hürden für KMU und was müsste sich ändern?

Gerade kleinere und mittlere Unternehmen müssen häufig dieselben regulatorischen Anforderungen erfüllen wie deutlich größere Unternehmen, verfügen jedoch über deutlich geringere personelle und administrative Ressourcen. Insbesondere zunehmende Bürokratie, Dokumentationspflichten sowie komplexe Anforderungen in Ausschreibungs- und Vergabeverfahren verursachen hohen Aufwand und binden Kapazitäten, die eigentlich in Innovation, Kundenprojekte und Wachstum fließen sollten. Der Mittelstand muss insgesamt stärker differenziert betrachtet werden. Es braucht praxisnähere Regelungen, einfachere Prozesse und vor allem mehr Verhältnismäßigkeit bei gesetzlichen Anforderungen.

Vor welchen Herausforderungen steht ihr bei Digitalisierung und Automatisierung und wie geht ihr damit um?

Unsere Produkte werden individuell nach Kundenanforderungen gefertigt. Das macht Automatisierung in vielen Fertigungsprozessen komplexer und teilweise auch wirtschaftlich schwieriger als in klassischen Serienproduktionen. Gleichzeitig sehen wir in Digitalisierung und KI zentrale Hebel, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Deshalb investieren wir kontinuierlich in moderne Technologien und standardisieren Prozesse dort, wo es sinnvoll ist. Gerade in administrativen Abläufen sehen wir noch erhebliche ungenutzte Potenziale. Insgesamt besteht im Mittelstand weiterhin großer Nachholbedarf bei Digitalisierung und Automatisierung.

In der Fertigung sind präzise Arbeitsschritte das A und O.

Steigende Kosten setzen den Mittelstand unter Druck. Wo spürst du die größten Belastungen und wie beeinflusst das eure Investitionsentscheidungen?

Den größten Kostendruck spüren wir derzeit vor allem im Materialeinkauf und bei der Energieversorgung. Wir erhalten nahezu täglich Mitteilungen über Preissteigerungen von Lieferanten, die sich auf Kundenseite nicht immer vollständig weitergeben lassen. Teilweise entsteht zudem der Eindruck, dass Krisen auch genutzt werden, um Preiserhöhungen durchzusetzen, die nicht ausschließlich kostenbedingt sind.
Steigende Kosten beeinflussen selbstverständlich auch Investitions- und Innovationsentscheidungen. Als Familienunternehmen agieren wir traditionell eher konservativ und langfristig orientiert. Gleichzeitig sind wir aktuell in der Lage, geplante Investitionen umzusetzen. Gerade deshalb halten wir es für entscheidend, trotz Unsicherheiten weiter in Maschinen, Personal und Prozesse zu investieren, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Du warst vor Kurzem beruflich auf einer Chinareise. Was können deutsche Mittelständler von Unternehmen aus dieser Region lernen? Und wo liegen im Vergleich unsere eigenen Stärken?

Mich beeindruckt an China vor allem die Offenheit gegenüber Innovationen und die hohe Geschwindigkeit in der Umsetzung. Deutsche Mittelständler können davon lernen, neue Technologien schneller zu erproben und Chancen mutiger zu nutzen. Gleichzeitig liegen unsere Stärken klar in Qualität, Verlässlichkeit und partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Kunden schätzen insbesondere die Beratung auf Augenhöhe, hohe Qualitätsstandards und unsere Flexibilität. Die Zukunft liegt aus meiner Sicht nicht darin, andere Systeme zu kopieren, sondern die eigenen Stärken mit mehr Geschwindigkeit, Offenheit und Veränderungsbereitschaft zu verbinden.

Vielen Dank für das Gespräch, André!