Fachkräftemangel im Mittelstand
Handlungsempfehlungen

Handlungsempfehlungen für Politik und Unternehmen

Im Folgenden werden sieben mögliche Handlungsoptionen für Politik und Unternehmen vorgestellt, die geeignet sind, um dem wachsenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Anzahl der Schulabgänger ohne Abschluss reduzieren

Im Jahr 2015 verließen über 47.000 Jugendliche ihre Schule ohne einen Abschluss (5,9 % des Jahrgangs).[14] Diese Jugendlichen stehen dem Arbeitsmarkt später nicht als Fachkräfte zur Verfügung. Daher liegt es in der Verantwortung der Landesschulbehörden, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss durch gezielte Fördermaßnahmen weiter zu reduzieren und durch eine passende Berufsausbildung zu Fachkräften auszubilden.

Ausbildungs-/Studienabbrüche reduzieren

Jeder vierte neu abgeschlossene Ausbildungsvertag wird vorzeitig aufgelöst, wobei nur etwa die Hälfte der betroffenen Jugendlichen im Anschluss zeitnah eine neue Ausbildung oder weiterführende Qualifikation beginnt. Bei den Studierenden bricht sogar jeder dritte sein Bachelorstudium vorzeitig ab. [15] In beiden Fällen hängt der vorzeitige Abbruch oftmals mit falschen Vorstellungen über Inhalt und Tätigkeitsfelder der Ausbildung /  des Studiums zusammen. Hier sind die Bundesagentur für Arbeit, Unternehmen und Hochschulen gleichermaßen gefragt, Bewerber möglichst früh umfassend aufzuklären. Praktika, Berufs- und Studieninformationstage sowie Ausbildungsmessen spielen eine wichtige Rolle, um realistische Eindrücke vom potentiellen Ausbildungsberuf / Studiengang zu vermitteln. Wichtig ist zudem der Ausbau der Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen im Bereich der  praxisbezogenen Berufsorientierung.

Fachkräfte im Unternehmen halten

Aufgrund des Mangels an geeignetem Nachwuchs ist es besonders wichtig, ältere Fachkräfte möglichst lange im Unternehmen zu halten. Neben ihrer fachlichen Qualifikation sind diese Mitarbeiter aufgrund ihrer jahrelangen Berufserfahrung für viele Unternehmen besonders wertvoll. Das vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben wird derzeit von der Politik durch attraktive Frühverrentungsmöglichkeiten befördert. Der Gesetzgeber sollte den Renteneintritt möglichst flexibel gestalten und durch finanzielle Anreize dazu beitragen, dass Arbeitnehmer ihren Renteneintritt freiwillig hinausschieben. Neben der Politik sind auch die Unternehmen gefragt, Anreize zu schaffen, um ihre Mitarbeiter möglichst lange im Betrieb zu halten. Hierzu zählen beispielsweise flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmöglichkeiten oder betriebliches Gesundheitsmanagement.

Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöhen

Die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen liegt in Deutschland mit 78,6 Prozent schon sehr hoch. In der EU liegt die Bundesrepublik damit auf Rang zwei hinter Schweden.[16] Allerdings arbeiten 47 Prozent der Frauen in Deutschland in Teilzeit – 13 Prozent davon sogar unfreiwillig.[17] Ziel muss es sein, den Anteil der Frauen in einer Vollzeitbeschäftigung sukzessive zu Erhöhen und so das Arbeitskräftepotential zu steigern. Der Fokus muss dabei zu allererst auf den Frauen liegen, die unfreiwillig einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen und gerne mehr arbeiten würden.

Oftmals ist eine Wiederaufnahme oder Ausweitung der Erwerbstätigkeit leider nicht mit der jeweiligen Lebenssituation der Frauen in Einklang zu bringen. Hauptprobleme sind die unzureichende Unterstützung bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben, fehlende Betreuungsangebote und nicht familienfreundliche Arbeitsplätze. Unternehmen sind hier gefragt durch flexible Arbeitszeitmodelle familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Gleichzeitig stehen Bund, Länder und Kommunen in der Verantwortung das Kinderbetreuungsangebot auszubauen.

Qualifizierte Einwanderung steuern

Deutschland ist ein weltweit beliebtes Einwanderungsland. Die Gruppe der Geflüchteten, die insbesondere seit dem Jahr 2015 nach Deutschland gekommen ist, kann aufgrund der sehr heterogenen beruflichen Qualifikation und mangelnder Sprachkenntnisse jedoch nicht ohne weiteres in den Arbeitsmarkt integriert werden. Dementsprechend denken 56 Prozent der deutschen Mittelständler nicht, dass der Flüchtlingszuzug positive Auswirkungen auf den derzeitigen Fachkräftemangel haben wird.[18] Neben der Ausbildung und Integration von Geflüchteten muss der Schwerpunkt daher vor allem auf der Steuerung der qualifizierten Einwanderung liegen, um gut ausgebildete Fachkräfte aus dem EU-Ausland und Drittstaaten für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Zusätzlich zu gezielten Programmen zur Gewinnung von ausländischen Fachkräfte für Mangelberufe braucht es daher ein Einwanderungsgesetz, um den Zuzug von qualifizierten Bewerbern aktiv zu gestalten.

Aus- und Weiterbildung fördern

Der Anteil der Geringqualifizierten an allen Erwerbspersonen zwischen 25 und 64 Jahren konnte seit 2009 um mehr als 10 Prozent reduziert werden. Trotzdem macht diese Gruppe noch immer etwa 13 Prozent aller Erwerbspersonen aus.[19] Geringqualifizierte haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer und stehen aufgrund ihrer fehlenden Qualifikation nicht zur Bewältigung des Fachkräftemangels zur Verfügung. Durch den Flüchtlingszustrom hat sich die Anzahl der Personen ohne ausreichende Qualifizierung noch einmal stark erhöht.

Gleichzeitig ändert sich das Anforderungsprofil an Fachkräfte vor allem durch die Digitalisierung stetig, sodass Arbeitnehmer regelmäßige Weiterbildungen benötigen, um neue Herausforderungen meistern zu können. Für beide Gruppen muss die Bundesagentur für Arbeit ein breites, kostengünstiges und niedrigschwellig zugängiges Ausbildungs- und Qualifizierungsangebot bereitstellen, um die Fachkräfte von morgen und übermorgen auszubilden. Darüber hinaus sollten auch Unternehmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene Fortbildungen anbieten oder die Teilnahme an externen Qualifizierungsmaßnahmen finanziell fördern.

Attraktivität der dualen Ausbildung steigern

Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium anstatt für eine Ausbildung. Die Studienanfängerquote eines Jahrgangs stieg von 36,1 Prozent im Jahr 2005 auf 54,4 Prozent im Jahr 2015.[20] Da 9 von 10 Auszubildenden ihre Lehre im Mittelstand absolvieren, sind KMU von dem Trend zum Hochschulstudium besonders betroffen.[21] Dabei bietet die duale Berufsausbildung in Deutschland gute Jobperspektiven und gilt im Ausland oftmals als Vorbild. Da die von Bund und Ländern bei der Studienanfängerquote angestrebte Zielmarke von 40 Prozent schon seit mehreren Jahren überschritten wird, ist es Zeit, dass die Politik den Fokus wieder auf die Steigerung der Attraktivität der dualen Berufsausbildung legt. Auch Unternehmen können ihrerseits regional Präsenz zeigen und aktiv für die angebotenen Ausbildungsberufe werben.

 

Quellennachweise

[14] Vgl. Caritas: Bildungschancen 2017 – Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss steigt wieder (04.07.2017).

[15] Vgl. Bundesagentur für Arbeit: BA 2020 – Fachkräfte für Deutschland, Seite 18, Seite 23.

[16] Vgl. Eurostat: Erwerbstätigenquote nach Geschlecht (Daten von 2016).

[17] Vgl. Statistisches Bundesamt: Arbeitsmarkt auf einen Blick – Deutschland und Europa, Seite 48 (Daten von 2014).

[18] Vgl. EY Mittelstandsbarometer Januar 2017, Seite 26.

[19] Vgl. Bundesagentur für Arbeit: BA 2020 – Fachkräfte für Deutschland, Seite 37.

[20] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung: Studienanfänger/-innen absolut und am Altersjahrgang in Deutschland nach Fächergruppen und Studienbereichen (Daten: 2005-2015).

[21] KfW Research: Neun von zehn Auszubildenden lernen im Mittelstand – Handwerk geht voran (Stand: August 2016).

Ursachen und Folgen des Fachkräftemangels

Der Fachkräftemangel ist längst im Mittelstand angekommen und zu einer Gefahr für das Fortbestehen vieler KMU geworden. Aber was genau sind die Ursachen und Folgen des Fachkräftemangels und welche Branchen sind besonders stark betroffen?

 

 

 

weiterlesen