11.01.2021Interview

„Nachhaltigkeit entscheidet über Zukunft von Unternehmen!“

Bundesregierung und EU-Kommission sind sich einig: Deutschland und Europa sollen Vorreiter beim Klimaschutz werden. Das stellt kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vor erhebliche Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Die ausgewiesene Finanzexpertin Kristina Jeromin spricht im DMB-Interview über die Relevanz eines nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystems für die Zukunft.


DMB: Frau Jeromin, Sie waren 11 Jahre bei der Deutschen Börse für den Bereich Green and Sustainable Finance zuständig und haben im letzten Jahr ihr Arbeitsverhältnis gekündigt. Warum?

Jeromin: Im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit für die Deutsche Börse habe ich die Möglichkeit erhalten, das Thema Sustainable Finance inhaltlich und strukturell für das Unternehmen selbst, aber auch für die von der Börse organisierten Märkte zu entwickeln. Green Finance ist für mich dabei nur ein Teilaspekt eines nachhaltigen Finanzwesens, daneben gilt es den Bereich Soziales und die Unternehmensführung zu berücksichtigen. Die Erfahrungen, die ich hier sammeln durfte und die Netzwerke, die ich aufgebaut habe, und meine Expertise möchte ich nun in einen neuen Wirkzusammenhang stellen, um den Aufbau zukunftsfähiger Finanzstrukturen noch stärker weiter voranzutreiben. Daher bewerbe ich mich bei Bündnis 90/ Die Grünen in Hessen um einen Listenplatz für die Bundestagswahl 2021. Parallel zu den politischen Aktivitäten bin ich weiterhin Co-Geschäftsführerin des Green and Sustainable Finance Cluster Germany e.V..

Was bedeutet für Sie verantwortungsvolles Unternehmer*innentum? 

Kurz gesagt bedeutet verantwortungsvolles Unternehmer*innentum für mich, die Umsetzung eines ganzheitlichen Risiko- und Chancenmanagements auf langfristiger Basis. Damit meine ich, dass neben den klassischen Finanzkennzahlen, die üblicherweise für die Bewertung einer Unternehmensleistung herangezogen werden, wesentliche ökologische und soziale Aspekte der Unternehmensführung integriert werden müssen. Wesentlich bedeutet dabei, dass es sich um Aspekte handelt, die sowohl eine Auswirkung auf den unternehmerischen Erfolg als auch auf die Umwelt des Unternehmens und seine Anspruchsgruppen haben – hier wird von der sogenannten doppelten Wesentlichkeit gesprochen. Das kommt bislang noch zu kurz. Diese umfassende Analyse gilt es nicht nur kurzfristig, sondern vor allem in ihrer mittel- bis langfristigen Entwicklung transparent zu machen.

Wie schätzen Sie den aktuellen Status der deutschen Wirtschaft und besonders bei KMU beim Transformationsprozess hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft ein? Und welche Herausforderungen sehen Sie in der nahen Zukunft als besonders wichtig an? 

Ich war und bin mit den unterschiedlichsten Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit im Allgemeinen und nachhaltige Finanzierungsstrategien im Speziellen im Austausch. Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das keine pauschalen Aussagen zum Entwicklungsstand der deutschen Wirtschaft möglich sind. Dafür sind die Kerngeschäfte und die damit einhergehenden Herausforderungen und Chancen zu individuell und lassen sich aktuell höchstens entlang von Branchen kategorisieren. Was aber übergreifend gilt, ist der Aspekt, dass es eine voranschreitende Standardisierung braucht, um die Transformation zielgerichtet und unter Erwartungssicherheit für die Unternehmen zu gestalten! Was mich positiv stimmt, ist dass ich feststelle, dass auch und gerade bei den KMUs das Bewusstsein wächst, dass Nachhaltigkeit kein Marketinginstrument, sondern ein strategisches Geschäftsinteresse ist – und zwar eines, das über die Zukunft des Unternehmens entscheidet. Allerdings ist Deutschland im europäischen und auch im internationalen Vergleich nicht mehr führend, wenn es um die Nachhaltigkeitsleistung und damit um Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft geht – hier müssen wir dringend wieder aufholen.

Welche Rolle spielt ein nachhaltiges Finanzsystem dabei?

Durch die nachhaltige Ausrichtung unseres Finanzsystems wird es dazu befähigt, die Transformation der Realwirtschaft hin zu einer zukunftsfähigen und zukunfts-fördernden Wertschöpfung gezielt zu unterstützen und zu begleiten. Im Übrigen ist das schon immer die Kernverantwortung des Finanzmarktes: die Finanzierung eines wertstiftenden Unternehmer*innentums. Um die gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und damit die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wirtschaftsstandortes zu erhalten und auszubauen, ist es wichtig, den Dialog zwischen Finanzbranche und Realwirtschaft zu intensivieren. Wir müssen uns auf die bereits angesprochenen Transformationspfade verbindlich einigen, Etappenziele festlegen und die Zielerreichung transparent und standardisiert darlegen. Nur so können wir Modifizierungen effizient ermöglichen. Es gilt den Bedarf der Realwirtschaft genau zu verstehen, um ein Finanzsystem zu etablieren, das in der Breite über die entsprechenden Produkt- und Serviceangebote verfügt.

Wird das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft auch bei Unternehmensfinanzierungen wichtiger?

Das Thema hat sich bereits in den letzten Jahren stark entwickelt. Das liegt natürlich auch daran, dass neben den hier entstehenden Geschäftschancen für den Finanzsektor eben auch die Risiken steigen. Ob als Bank oder als Investor*in bin ich dazu verpflichtet, alle wesentlichen Aspekte in meine Finanzierungs- bzw. Investmentstrategie zu integrieren. Tu ich dies nicht, nehme ich so genannte „stranded assets“ mutwillig in Kauf. Geldgeber*innen sind seit jeher gut beraten, sich ein umfassendes Bild bezüglich ihrer Investitions- und Finanzierungsziele zu machen – das ist nicht nur verantwortungsvoll, sondern schlicht und einfach rational! Unzureichend informierte Investitions- und Finanzierungsentscheidungen und hieraus entstehende Schäden sind nicht zuletzt eine Gefahr für die systemische Stabilität. Das ist einer der Gründe, warum gerade das Regulierungspaket rund um den EU „Action Plan: on Financing Sustainable Growth“ auch als eine umfassende Transparenzinitiative zu werten ist.

Wie können Unternehmen besser beim Transformationsprozess unterstützt werden?

Unternehmen benötigen Planungs- und Erwartungssicherheit. Daher sind für einen gelingenden Transformationsprozess geteilte und verbindliche Ziele zentral. Deutschland hat sich sowohl der Erreichung der Klimaziele von Paris als auch der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen verpflichtet. Aber was bedeutet das für unsere Wirtschaft? Es hält sich das gefährliche Vorurteil, die Realisierung dieser Ziele gehe auf Kosten unserer wirtschaftlichen Stärke – das Gegenteil ist der Fall! Nur wenn wir es schaffen, die genannten Ziele zu erreichen, werden wir unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Hier braucht es einen klaren politischen Rahmen, stimulierende Preissignale und attraktive Anreizsysteme. Innovationsförderung muss großgeschrieben werden und unternehmerischer Mut neue, nachhaltige Weg zu gehen, muss belohnt werden. Parallel dazu muss die Förderung von nicht zukunftsfähigen Geschäftsmodellen – natürlich unter Berücksichtigung der Sozialverträglichkeit – zurückgefahren werden.

Für wie wichtig halten Sie die Digitalisierung der Unternehmen in dem ganzen Prozess?

Transparenz ist ein wesentlicher Faktor im Rahmen einer nachhaltigen Ausrichtung des Finanzsystems. Es geht zentral darum, die wesentlichen Informationen und Daten zu identifizieren, standardisiert aufzubereiten und zugänglich zu machen, die es für eine vorausschauende, verantwortungsvolle und damit nicht zuletzt ökonomisch lohnende Finanzierung braucht. Hier spielt Digitalisierung eine wichtige Rolle. Zum einen hilft sie den Unternehmen, ein effizientes Informationsmanagement zu betreiben. Außerdem unterstützt sie dabei, etablierte Prozesse zu evaluieren und, wenn notwendig, zu modifizieren. Für die Finanzbranche kann durch diese  Transparenz ein tieferes Verständnis eines Kerngeschäfts und der konkreten Herausforderungen und Chancen des jeweiligen Unternehmens generiert werden. Gemeinsam können dann die Transformationspfade und die hierfür notwendigen Finanzierungen festgelegt und nachgehalten werden. 

Wie schätzen Sie die Chancen von Unternehmen beim Erschließen neuer Geschäftsfelder im Bereich Green Economy ein?

Wenn man von Green Economy spricht, dann wird sichtbar, dass ein zentraler Punkt in vielen Köpfen noch nicht ganz angekommen ist. Sie suggerieren, dass es etwas anderes geben wird als die sogenannte grüne Wirtschaft. Welche soll das sein? Die braune Wirtschaft, vielleicht? Es gibt aber nur eine wertschöpfende Form von Wirtschaft, und das ist eine zukunftsfähige. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass weite Teile unseres Wirtschaftens in den kommenden Jahren einem grundlegenden Wandel unterzogen sein werden bzw. es heute schon sind. Das ist nichts Außergewöhnliches und hat sich historisch gesehen schon häufig vollzogen. Wenn sich die Welt, in der wir leben und entsprechend auch wirtschaften, verändert, ist es an uns, die etablierten Systeme für einen erfolgreichen Umgang mit diesen Veränderungen anzupassen. Wie schnell und umfassend uns diese Anpassung gelingt, entscheidet über unsere Zukunft – wirtschaftlich aber auch ganz grundsätzlich. Entsprechend sehe ich also enorme Chancen für die Unternehmen in dieser Transformation, die unumgänglich sind. Die Erhaltung des Status quo kann keine Alternative sein, da sie letztendlich katastrophale Folgen für die gesamte Menschheit bedeuten würde.

 

Frau Jeromin, vielen Dank für das Gespräch!

 

Mehr Informationen zu diesem Thema sind im Bereich Energiewende abrufbar.

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