22.10.2019Fachbeitrag

Export ins Nachbarland: Die Niederlande als interessanter Absatzmarkt

 

Für viele sind sie nur das Land des Käses und der Tulpen – dabei sind die Niederlande ein Hightech-Player par excellence. Vorreiter im Bereich Industrie 4.0. Europäische Spitze beim Thema Künstliche Intelligenz. Weltweite Nummer Eins bei der internationalen und digitalen Vernetzung. Und mit Rang Vier im Global Innovation Index 2019 eine der innovativsten Volkswirtschaften der Welt.

Zugleich sind unsere Nachbarn aber auch der zweitgrößte Agrarversorger der Welt, eine Handelsnation mit jahrhundertelanger Tradition und eine Volkswirtschaft, in welcher der Dienstleistungssektor aktuell zu den am stärksten wachsenden Branchen gehört. Kurz: Für den vielseitigen deutschen Mittelstand sind die ebenfalls mittelständisch geprägten Niederlande ein sehr interessanter Exportmarkt.

Elf schnelle Fakten zur niederländischen Wirtschaft

  1. Die niederländische Wirtschaft wächst seit 8,5 Jahren ununterbrochen. Das für Wirtschaftsplanung und -statistik zuständige CPB erwartet, dass sich dies auch 2020 und 2021 fortsetzt.  
  2. Das Bruttoinlandsprodukt steigt seit 3,5 Jahren stärker als im EU-Durchschnitt. Auch dieser Trend soll sich die kommenden zwei Jahre halten.
  3. Den größten Beitrag zum BIP leistet der Dienstleistungssektor, gefolgt von der Industrie.
  4. Nur rund zwei Prozent der niederländischen Wirtschaftsleistung beruht auf der Landwirtschaft.
  5. Die Produktivität pro Einwohner ist mit 44.900 Euro höher als in Deutschland (40.852 Euro/Kopf).
  6. Die Kaufkraft liegt mit 18.823 Euro pro Kopf über dem europäischen Durchschnitt.
  7. Die Inflationsrate liegt mit 1,6 Prozent unter EU-Durchschnitt.
  8. Die Arbeitslosigkeit ist mit 3,4 Prozent die drittniedrigste in Europa.
  9. Die Unternehmerschaft ist mittelständisch geprägt: 99,8 Prozent der Betriebe gehören zu den KMU.
  10. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen mit rund zwei Prozent des BIP über EU-Durchschnitt.
  11. Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner der Niederlande – gefolgt von Belgien, Großbritannien und den USA.

Der deutsch-niederländische Handel

567 Kilometer lang liegen Deutschland und die Niederlande Seite an Seite – das entspricht etwa der Strecke zwischen Berlin und München. Aufgrund der geographischen Nähe kommt dem binationalen Handel eine entscheidende Rolle zu – in Zeiten des Brexit umso mehr. Die deutsch-niederländische Handelsbilanz wächst daher kontinuierlich und erreichte 2018 den neuen Rekordwert von 189,2 Milliarden Euro.

Trotz des vergleichsweise kleinen Binnenmarkts mit 17,3 Millionen Einwohnern sind die Niederlande der zweitwichtigste Handelspartner Deutschlands – direkt nach China. Schaut man sich das Exportvolumen an, so wird klar, wie groß die Bedeutung der Niederlande ist. 2018 haben deutsche Unternehmen Waren und Dienstleistungen im Wert von 91,1 Milliarden Euro in den Niederlanden abgesetzt – das sind nur zwei Milliarden weniger als im Riesenreich China.

Die Spitzenposition bei den deutschen Exporten in die Niederlande nahmen 2018 Maschinen mit einem Wert von 19,2 Milliarden Euro ein. Auf Platz Zwei lag die Gruppe der bearbeiteten Waren, darunter Eisen und Stahl, Metallwaren, Aluminium, Holz und Papier (10,6 Mrd. Euro). Dahinter folgen medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse (9,4 Mrd. Euro), chemische Erzeugnisse (9,2 Mrd. Euro) und Fahrzeuge (7,2 Mrd. Euro).


Aktuelle Trendthemen und Branchen mit Potenzial

Die Niederlande und Deutschland sind weltweit führend, wenn es um Hightech-Produkte und -Dienstleistungen geht. Beide Länder stehen vor ähnlichen technologischen Herausforderungen, die viel Potenzial für den Export sowie für binationale Kooperationen bieten. Hier die wichtigsten im Überblick.  

Industrie 4.0

Was die intelligente Vernetzung von Maschinen und Prozessen in der Industrie betrifft, so sind die Niederlande europäischer Vorreiter. Bis Ende 2021 wollen sie das flexibelste und beste digitale Produktionsnetzwerk der Welt errichten. „Und das funktioniert nur gemeinsam mit Deutschland“, so der Tenor. Technologie und Dienstleistungen sind dabei ebenso gefragt wie die Zusammenarbeit mit dem starken deutschen Maschinenbau sowie dem produzierenden Gewerbe.

Für deutsche Unternehmen interessant zu wissen: Obwohl die Niederlande im Bereich Smart Factory Vordenker sind, investieren die Industrieunternehmen im Nachbarland deutlich weniger in die Umsetzung als in Deutschland. Daraus resultiert ein Nachholbedarf bei Robotik- und Automation-Lösungen sowie der intelligenten Produktion. 35 Prozent der niederländischen Unternehmen sehen sich einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung pwc zufolge noch im digitalen Anfangsstadium.

Smart Mobility

Mobilität ist der Motor der Wirtschaft und ihr wichtigstes Zukunftsthema – in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Wie können Waren schnell, sicher und umweltfreundlich transportiert werden? Wie kommen Menschen zuverlässig, bequem und möglichst „grün“ von A nach B? Als ein zentrales ökonomisches Innovationsfeld bietet Smart Mobility technologischen Pionieren zahlreiche Möglichkeiten.

Die Themen sind breit gefächert und reichen vom elektrischen Fahren über die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien bis zum autonomen Fahren. Auch Lkw Platooning und neue Logistikapplikationen gehören zu den gefragten Lösungen genauso wie Car Sharing oder Ride Hailing via Apps. Eine wichtige Rolle spielen auch Lösungen für das smarte Verkehrsmanagement und den Datenschutz.

Nachhaltige Energieversorgung

Weg vom Gas – hin zu den Erneuerbaren. Die Niederlande stehen vor einer großen Energiewende. Bis 2023 sollen 16 Prozent des Energiebedarfs im Nachbarland aus regenerativen Quellen gedeckt werden. Bislang sind es gerade einmal acht Prozent. Allein in den Ausbau der Windenergie investieren die Niederlande in den kommenden elf Jahren 20 Milliarden Euro. Ein lukrativer Markt auch für deutsche Unternehmen, die hier mit ihrer Erfahrung punkten können. Vor allem im Bereich erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Energiespeicherung ist deutsches Know-how gefragt. Viele niederländische Betriebe suchen darüber hinaus deutsche Spezialisten als Kooperationspartner.

Kreislaufwirtschaft

Die zirkuläre Ökonomie ist eines der niederländischen Topthemen, das sich durch alle Branchen zieht. Bis 2030 will die Regierung im Nachbarland den Rohstoffverbrauch halbieren und den CO2-Ausstoß deutlich reduzieren. Eine Herausforderung, die im Nachbarland als Innovationstreiber verstanden wird. Gefragt sind Technologien aus den Sektoren Recycling, erneuerbare Energien, zirkuläre Produktionsverfahren, nachhaltiges Produktdesign und nachhaltige Verpackungen.


Bau- und Infrastruktur

Die Infrastruktur in den Niederlanden gilt als die beste Europas und die viertbeste der Wert. Dafür investiert die öffentliche Hand kräftig. Allein in diesem Jahr werden mehr als sieben Milliarden Euro aus der Staatskasse für den Bau, das Management und die Instandhaltung der Verkehrswege investiert. Zusätzlich werden in den kommenden zwölf Jahren rund 1.000 Kilometer Straßen neu gebaut. Deutsche Infrastruktur- und Tiefbaubetriebe können von der hohen Nachfrage im Nachbarland profitieren.

Großes Potenzial bietet auch der private Bausektor. Hier punkten deutsche Fachunternehmen mit ihrer Praxis-Erfahrung bei der Energiewende, die in den Niederlanden erst jetzt richtig in Fahrt kommt. Bis 2050 müssen jährlich rund 230.000 Häuser energetisch saniert und vom Gas auf alternative Energiequellen umgerüstet werden. Die Anzahl der einheimischen Fachbetriebe reicht dafür nach Einschätzung der GTAI nicht aus.

Medizintechnik

Die niederländische Medizintechnik gilt als wachstumsstark und zukunftsträchtig. Wachstumstreiber sind der demographische Wandel, Pflegeinnovationen und neue Technologien. Gerade was das Themenfeld E-Health angeht, setzt das Nachbarland europaweit Maßstäbe. Als Wachstumsfelder gelten daher besonders der Einsatz von Nanotechnologie, Robotik, künstlicher Intelligenz, „Blockchain"-Technologie, 3D-Druck sowie Wearables zur Anamnese.

Fünf wichtige Tipps zum Export in die Niederlande

1. Lohnt sich der Schritt ins Ausland?

Das ist der Fall, wenn

  • der nationale Markt die erforderlichen Absatzsteigerungen nicht mehr gewährleistet,
  • Sie Risiken durch Streuung auf mehreren Märkten verringern wollen oder
  • Ihre Kunden Produkte auf mehreren Märkten benötigen.

2. Sind die Niederlande der richtige Markt?

  • Lassen Sie unbedingt Ihre Marktchancen professionell untersuchen. Produkte und Dienstleistungen, die in Deutschland gut ankommen, bieten nicht zwangsläufig auch gute Marktperspektiven in den Niederlanden.

3. Engagiere ich einen Vertriebspartner oder vertreibe ich die Produkte selbst?

  • Lassen Sie sich beraten, welche Form der Marktpräsenz sich für Sie eignet
  • Suchen Sie sich einen Partner, der Sie auch bei der Suche nach Handelsvertretern und Importeuren unterstützen kann.

4. Lohnt sich eine Tochtergesellschaft?

Lassen Sie sich beraten,

  • ob sich der Aufbau einer eigenen Tochtergesellschaft rechnet,
  • welche Rechtsform sich empfiehlt und
  • welche rechtlichen und steuerlichen Fragen sie klären sollten.

5. Wie soll das Vermarktungskonzept aussehen?

  • Suchen Sie sich professionelle Unterstützung von PR- und Marketingagenturen mit Marktkenntnissen in den Niederlanden.

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