06.11.2023Hintergrund

Wie steht es um den ‚Mittelstand von morgen‘?

Wie steht es um die Unternehmen, die in den kommenden Jahren in den Mittelstand nachrücken und die Wirtschaft maßgeblich prägen werden?

Die deutsche Wirtschaft ist bekannt für seine zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die mit ca. 56 Prozent laut Statistischem Bundesamt einen erheblichen Anteil der Arbeitsplätze in Deutschland stellen. Doch wie steht es um die Unternehmen, die in den kommenden Jahren in den Mittelstand nachrücken und die Wirtschaft maßgeblich prägen werden? In diesem Artikel wird die Lage der jungen Unternehmen in Deutschland beleuchtet - den potenziellen Mittelstand von morgen - und die Frage gestellt, ob es genug nachfolgende Unternehmerinnen und Unternehmer in der kriselnden deutschen Wirtschaft gibt.

Aktuelle Lage: Junge Unternehmen in Deutschland

Seit 2002 ist laut KfW-Gründungsmonitor 2023, für den jährlich 50.000 zufällig ausgewählte Personen aus Deutschland befragt werden, ein deutlicher Abwärtstrend bei Existenzgründungen erkennbar. Auch im Jahr 2022 hat die Gründungsdynamik in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr wieder abgenommen: Laut der Studie wurden im Jahr 2022 550.000 Existenzgründungen gemeldet, im Vergleich zum Jahr 2021 haben sich 57.000 weniger Menschen selbstständig gemacht. Das Gründungsniveau ist sowohl im Voll- als auch im Nebenerwerb auf einem geringen Niveau, wobei das Minus zum Vorjahr bei Vollerwerbsgründungen mit -6 Prozent geringer ausfällt als bei Nebenerwerbsgründungen mit -12 Prozent. Die Gründungsplanungen stiegen 2022 im Vergleich zum Vorjahr leicht und lassen für 2023 eine etwas höhere Anzahl an Gründungen erhoffen.

Von rund 1,5 Millionen Existenzgründungen im Jahr 2002 schrumpfte die Zahl bis zum Jahr 2022 kontinuierlich auf 550.000. Diese alarmierenden Zahlen werden nur durch kleine Aufwärtsbewegungen in den Jahren 2010 und 2015 unterbrochen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland laut OECD bei der Selbstständigenquote mit 8,7 Prozent weit zurück. Eine Erhebung des Datendienstes Startupdetector, die im Auftrag des Handelsblatts durchgeführt wurde, verdeutlicht zudem die aktuell schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen für junge Unternehmen: Bis Oktober eröffneten in diesem Jahr bereits mehr Start-ups ein Insolvenzverfahren als im gesamten Jahr 2022.

 

Herausforderungen junger Unternehmen

Doch warum ist die Zahl der Existenzgründungen in einer dauerhaften Abwärtsspirale? Und was bremst junge Unternehmen bei der wirtschaftlichen Entwicklung?

Bei den Top 3-Hemmnissen für Gründerinnen und Gründer, die der bereits genannte Gründungsmonitor der KfW-Bank identifiziert hat, existieren viele Schnittpunkte zu den Belastungen etablierter Unternehmen:

 

  1. Bürokratie
  2. Angst vor Verlustgeschäft
  3. Energiepreise

 

Im Global Entrepreneurship Monitor 2022/2023 stuften Expertinnen und Experten folgende gründungsbezogenen Rahmenbedingungen in Deutschland am schwächsten ein:

  1. Schulische Grundausbildung
  2. Aussichten auf dem Arbeitsmarkt
  3. Priorität und Engagement in der Politik

 

Mittelstand im Wandel: Nachfolger gesucht

Eine weitere entscheidende Frage betrifft die Nachfolge in bestehenden Mittelstandsunternehmen. Hier zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung: Viele etablierte Mittelständler stehen vor der Herausforderung, keine geeigneten Nachfolger in den eigenen Reihen oder im Familienkreis zu finden. Rund 100.000 KMU streben laut KfW-Nachfolgemonitoring jedes Jahr die Abgabe des eigenen Betriebs an. In den Jahren 2022 und 2023 sind es kumuliert rund 5 Prozent aller 3,8 Millionen KMU in Deutschland. Durch den kommenden Abzug der Babyboomer-Generation aus dem Arbeitsmarkt wird die Suche nach Lösungen für die Schließung der Lücke in deutschen Führungsetagen noch dringender. Aktuell ist bereits jeder zweite Wirtschaftstreibende im Mittelstand 55 Jahre alt oder älter, was bedeutet, bis spätestens 2035 wird die Hälfte aller deutschen Unternehmen vor der Suche nach einer passenden Nachfolgelösung stehen. 

Die Zahlen belegen, dass zukünftig die Suche nach kompetenten Nachfolgern für KMU noch dringender wird. Zusätzlich wird durch die voraussichtliche Zunahme von Stilllegungen deutlich, wie wichtig nachrückende wettbewerbsfähige Unternehmen sind, die den Mittelstand von morgen mitgestalten. Bei diesen großen Herausforderungen muss eine gesellschaftliche Debatte über attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen für junge bzw. kleine Unternehmen entfacht werden.

 

Politische Hebel für Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit

Nur mit einer umfassenden Digitalisierung der deutschen Wirtschaft kann die Effizienzsteigerung zu einer nachhaltigeren Wirtschaft geleistet werden. Besonders kleine Unternehmen benötigen jedoch Unterstützung, hohe Ressourcen bei Personal und Investitionen bewältigen zu können. Die politische Unterstützung bleibt jedoch aus: a. Die angekündigte Investitionsbremse im Bereich Digitalisierung, die im Koalitionsvertrag versprochen wurde, wurde bis zum Redaktionsschluss des Artikels weder angekündigt noch umgesetzt. b. Eine hohe Anzahl an Förderprogrammen, die Unternehmen auf Länderebene bei der Digitalisierung unterstützt haben, liefen bereits aus und wurden nicht verlängert. Das wichtige bundesweite Programm „Digital Jetzt“ läuft Ende 2023 ohne die Bekanntgabe eines Nachfolgeprogramms aus.

Ferner stellt die gegenwärtige Bürokratie für junge Unternehmen eine erhebliche Hürde dar. Die Vereinfachung von Gründungsprozessen, Genehmigungen und behördlichen Auflagen muss weiter vorangetrieben werden. Auf der Digitalisierung von Verwaltungsprozessen sollte nach Meinung des DMB ein besonderer Fokus gesetzt werden, um Unternehmerinnen und Unternehmern Zeit und Ressourcen zu sparen, die besser in die eigentliche Geschäftsentwicklung investiert werden könnten. Weiterhin ist eine ausgewogene Steuerpolitik entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von jungen Unternehmen. Der DMB plädiert für eine einfach zu handhabende und international wettbewerbsfähige Besteuerung, die Unternehmen nicht übermäßig belastet. Die im internationalen Vergleich sehr hohe Unternehmenssteuerbelastung muss gesenkt werden.

Des Weiteren spielt die schulische Bildung eine Schlüsselrolle in der Vorbereitung junger Menschen auf die Herausforderungen der modernen Wirtschaft. Dafür ist eine stärkere Integration von unternehmerischen Kenntnissen und Fähigkeiten in den Lehrplan nötig, um der nächsten Generation den Gang ins Unternehmertum zu vereinfachen. Praxisorientierte Lehrmethoden und Kooperationen mit der Wirtschaft können hierbei entscheidende Impulse setzen und müssen verstärkt werden. Um die Gründungsdynamik zu fördern und Nachfolgeregelungen zu erleichtern, sind sowohl staatliche als auch unternehmerische Maßnahmen vonnöten. Staatliche Förderprogramme und Investitionen von Venture-Capital-Fonds können jungen Unternehmen den Zugang zu dringend benötigtem Kapital erleichtern. Neue Modelle wie „Search Funds“ helfen jungen Unternehmerinnen und Unternehmern dabei, den Schritt ins Unternehmertum bewältigen zu können.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Lage des potenziellen „Mittelstands von morgen“ in Deutschland herausfordernd ist. Seit 2002 verzeichnet man einen kontinuierlichen Rückgang bei Existenzgründungen. Die Top-Hemmnisse für Gründerinnen und Gründer sind Bürokratie, die Angst vor Verlustgeschäften und hohe Energiepreise. Zudem ist eine besorgniserregende Entwicklung in der Nachfolge von bestehenden Mittelstandsunternehmen erkennbar, da viele etablierte Betriebe Schwierigkeiten haben, geeignete Nachfolger zu finden. Eine ganzheitliche Digitalisierung der Wirtschaft, die Reduzierung von Bürokratie und eine ausgewogene Steuerpolitik sind entscheidend, um den Mittelstand von morgen zu stärken und die Gründungsdynamik in Deutschland wieder anzukurbeln.

 

Die Beitragsserie „Arbeitswelt von morgen“ wird in den kommenden Wochen interessante Persönlichkeiten und hilfreiche Praxistipps zur zukunftssicheren Aufstellung von Unternehmen bieten.

 

Dieser Beitrag ist Teil von Mittelstand WISSEN zum Thema "Arbeitswelt von morgen"

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